Nach dem Brand

Sechs Jahre nach dem Nanzenbacher Brandunglück geht das größte Dorf des Fürstentums Dillenburg, Frohnhausen, in Flammen auf. Innerhalb von 2 Stunden werden am 26. Juli 1778 128 Häuser und 122 Scheunen vernichtet und 129 Familien obdachlos; lediglich ein Haus, einige Scheunen und wenige andere Gebäude bleiben verschont.

Auf Grund neuartiger, personeller und institutioneller Gegebenheiten finden sich die Behörden in die Lage versetzt, die Neuordnung Frohnhausens zu einem hervorragenden Beispiel ländlicher Siedlungsplanung mit eindrucksvoller Formensystematik zu gestalten.

Nauaufbau
Vorner / Nachher

Die für die Konzeption und Durchführung dieser Ortsplanung ausschlaggebenden personellen Momente sind darin begründet, dass eine sachkundige Beamtenschaft zur Verfügung steht, die um zwei besonders tüchtige Männer erweitert worden ist, und zwar um den Bauinspektor Sckell und den Rat und Amtmann Rühle v. Lilienstern1). Daneben muss als zweiter wichtiger und neuer Faktor die Einrichtung einer Feuerversicherungsanstalt im Jahre 1774 hervorgehoben werden, wodurch eine großzügige Siedlungsplanung erheblich gefördert wird.

Bereits im Anschluss an die beiden Großbrände des Jahres 1769 waren erste Anstalten getroffen worden, einen Feuerversicherung zu gründen2); aber es dauert bis zum Jahr 1774, ehe das Projekt verwirklicht wird. Wilhelm V. leitet das Reglement mit folgenden Sätzen ein: „…obzwar Unsere erste landesvätterliche Sorgfalt jedes Mal gewesen, Unsere solchergestalt verunglückten Untertha-nen, theils durch landesherrliche Beysteuer, theils durch die für sie ausgeschriebenen Brand Collecten nach aller Möglichkeit wiederaufzuhelfen; so haben wir dennoch die Absicht vielfältig verfehlet sehen müssen, weil auf der einen Seite die vorgefallenen Feuers-Brünste zu häufig und di beträchtlich gewesen, auf der anderen Seite hiegegen die Brand-Collecten… ohn möglich von solchem Belange seyn können, als es die Bedürfnisse der Verunglückten erfordert hätten. Aus welcher Ursache dann auch viele derer selben öfters mehrere Jahre unter ihrem Nothstande haben seuftzen müssen, ohne zu ihren verlorenen Gebäuden wieder gelangen zu können. Um nun diesen traurigen Folgen in Zukunft möglichst vorzubeugen und Unseren durch Feuers-Brünste verunglückten getreuen Unterthanen eine schleunigere und werkthätigere Beyhilfe …zu verschaffen: so haben wir beschlossen, in Unseren sämtlichen Landen… eine allgemeine Brand- Assecurations-Gesellschaft aufrichten zu lassen.“3)

Nachdem die üblichen fürsorglichen Maßnahmen der Regierung eingeleitet sind und vor allem die Frage der Evakuierung aller Verunglückten auf die Nachbardörfer gelöst ist, kommt der Amtmann Rühle einen Tag nach dem Brand mit dem Vorschlag der Regierung ein, dem Hauptmann v. Pfau aufzugeben, die Lage der Brandstätten in einen Riss aufzunehmen, und dem Bauinspektor Sckell den Auftrag zu erteilen, die Gegend in Augenschein zu nehmen „und zu erwähnen, wohin der Schutt am bequemsten zu bringen sey“4).

Die Verteilung der Arbeiten regelt der Amtmann geschickterweise so, dass er die Heimberger der umliegenden Ämter für den 29. Juli auf die Brandstätte bestellt, um an Ort und Stelle „die zu räumende Brandstätte unter die Gemeinden zu repartiren“5). Auf diese Art sollen eine ungerechte Aufteilung und nachträgliche zeitraubende Eingaben vermieden werden.

Um aber eine ordnungsgemäße Abwicklung all dieser Maßnahmen garantieren zu können, erbittet er sich das Kommando über ein Dillenburger Bataillon; er geht sogar so weit, den Eigentümer des einzigen vom Brand verschonten Hauses in den Nachbarort bringen zu lassen, um in seinem Haus die „Ordonnanz“ einzurichten.

In einem solchen Schreiben wendet sich der Amtmann an die Regierung, um den Wunsch der Brandbeschädigten weiterzuleiten, wegen der bevorstehenden Ernte die schleunigsten Anstalten zum Wiederaufbau zu treffen. „So würde es sehr gut seyn, wenn heute noch mit denen in alle Ämter abgehenden Bothen der Beytrag zur Brandcasse ausgeschrieben, wenn heute noch die Brandstätten in Riss genommen und nach Festsetzung des Bauplans das Bauholz baldmöglichst angewiesen werden könnte.“6) Äußerste Eile sei auch deswegen anzustreben, weil sonst, wenn die Maurerarbeiten zu spät in den Herbst und Winter hinausgezögert würden, die Wohnungen un-gesund und allzu leicht „vergänglich“ werden könnten.

Ohne auf die Vorschläge Rühles näher einzugehen, gibt die Regierung dem Amtmann nach dem bisher entwickelten Schema ihre Anweisungen:

Habe er „auf den eigentlichen Ursprung dieser unglücklichen Feuersbrunst auf das sorgfäl-tigste näher zu inquiriren, dabei auch die entferntesten Anzeichen nicht außer Acht zu lassen und von dem Erfolge hier zu nächst umständlich zu berichten“7).

Erwarte man vom Brandschaden ein vollständiges tabellarisches Verzeichnis mit Bemer-kung des geschädigten Personen, des Verlustes an Gebäuden, Früchten, Vieh und Hausrat und der Angabe des schuldenfreien Vermögens einer jeden Familie.

Sei eine „Designation“ aller im Amt Dillenburg auf Abbruch zu kaufenden Gebäude aufzu-stellen8).

Solle er unter Hinzuziehung des Oberjägers die Gemeindewälder Frohnhausens in Augen-schein nehmen und bestimmen, welche Quantität Bauholz darin zu schlagen sei.

Habe er bekannt zu machen, „dass vorerst bis zur verfügenden Regulierung eines neuen Bauplanes kein Brandbeschädigter ohn Vorwissen und Bewilligung der Fürstlichen Landes-regierung zu bauen anfangen dürfe“7).

Die Erledigung dieser und weiterer Ausweispunkte wird vom Amtmann direkt besorgt. Allerdings ist – was die erste Anordnung betrifft – die Regierung mit seiner Erklärung der Brandursache, diese sei nämlich durch ein am Vorabend des Feuerausbruchs entstandenes Gewitter bedingt, nicht einverstanden; vielmehr hält sie eine absichtliche Brandstiftung für durchaus wahrscheinlich. Auf Regierungsbeschluss soll „demjenigen, welcher einen solchen Abschaum von Bosheit der Obrigkeit zu entdecken und selbige zu dessen Habhaftwerdung in Stand stellen würde, wenn er auch Mitschuldiger und nicht Rädelsführer wäre, unter Verschweigung seines Namens eine Belohnung von 100 Gulden… gereichet werden“9).

Bei der Aufstellung der Schadens- und Vermögensverzeichnisse muss Rühle feststellen, dass ein unmittelbar einsetzender Wiederaufbau, wie er ihn sich vorgestellt hatte, gar nicht zu realisieren ist. Bei der Größe des Dorfes, dem Verlust der Gemeindeakten und der zerstreuten Wohnweise der Brandbeschädigten sind die statistischen Erfassungsmöglichkeiten derart erschwert, dass es bis zum 19. Oktober dauert, ehe der Amtmann die Vermögenstabelle vorlegen kann. Der Gesamt-schaden beträgt nicht weniger als 83 738 Gulden.

Die sehr bald bei der Regierung eingehenden Verzeichnisse über die auf Abbruch angebotenen Altbauten sind nur unvollständig erhalten; aus den vorhandenen lässt sich aber deutlich ersehen, dass ein sehr umfangreiches Angebot vorhanden ist. Allein aus den Ämtern Ebersbach, Tringen-stein und Haiger werden 59 Häuser und 16 Scheunen verzeichnet 10).

Der fünfte Anweisungspunkt findet deshalb besondere Erwähnung, weil sich viele Brandbeschä-digte bei den Behörden um die Erlaubnis bemüht hatten, auf ihren alten Plätzen „Interimswohnun-gen“ einrichten zu dürfen, um die weiten Anmarschwege von den Nachbardörfern her einzusparen. Sämtliche Gesuche werden aber abgelehnt; nur der Heimberger Stolz erhält die Genehmigung, sich eine Notunterkunft bauen zu dürfen, um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, – freilich nur unter der ausdrücklichen Bedingung- „dass er solche, sobald das Dorf gebaut ist, wieder abbreche“11).

Die Wiederaufbauplanungen im engeren Sinn setzen damit ein, dass der Amtmann Rühle der Regierung die Bebauungsvorstellungen der Brandbeschädigten vorträgt. Diese hatten den Wunsch geäußert, „dass bey Festsetzung des Bauplans einem jeden Eigenthümer neben seiner Hofraite auch ein Platz zum Garten möge angewiesen werden“12). Falls sich dies nicht einrichten lasse, fügt der Amtmann hinzu, „so möchte es vielleicht für schicklicher gemacht werden, allemahl nach einer Reihe von 10-12 Häusern nebst Scheuern und Hofraiten einen geräumigen Platz zu bestimmen, wo mehrere Gärten zusammen gestoßen und diese unter die Eigenthümer der gedachten 10-12 Häuser nach ihrem Bedürfnis oder dem Verhältnis ihrer vorigen Besitzungen zu verteilen“12). Das Bedeutsame dieser Eingabe liegt weniger in dem mehr oder minder hohen Grad der Verwertbar-keit dieses Bebauungsvorschlags, sondern vor allem darin, dass hier erstmals eine aktive Teilnahme der Betroffenen fassbar wird, die eine Einsicht in die Notwendigkeit und Vorzüge plan-voller Siedlungsregulierung zum Ausdruck bringt. Diese grundsätzliche Planungsbereitschaft der Brandbeschädigten ermöglicht es den Behörden, in geringerem Maß auf die Durchsetzung ihrer Ordnungsideen zu sehen und in breiterer Form die sachlichen Fragen der Planung zu diskutieren. Darüber hinaus kommt dem Bebauungsvorschlag der Gemeinde aber auch noch insofern eine Bedeutung zu, als hier mit der Idee des einzuplanenden Gartenraums ein Impuls gegeben wird, der durch die einzelnen Phasen der Neuordnungsbestrebungen bis hin zur endgültigen Gestaltung erkennbar bleibt.

Gleich nach dem Brand hat die Regierung aber auch den Bauinspektor Sckell beauftragt, einen Plan zu entwerfen, wie das Dorf Frohnhausen in einer regelmäßigen Form wieder aufgebaut werden könne. Der darauf vom Bauinspektor eingereichte Plan, der allerdings nur das Prinzip der projektierten Gebäudeanordnung zur Darstellung bringt13), zeigt jeweils 2 Häuser, 2 Scheunen und 2 Ställe, die so zusammengebaut sind, „dass eine ziemliche Distanz zu einem Hofplatz und einer Mißtstätte dazwischen belassen wird und welcher separiret werden kann. Die Entfernung zwischen 2 Häusern beträgt 48 Schu, zwischen 2 Scheunen aber 30 Schu und vom Haus bis zur Scheuer 44 Schu“14).

Die Stellungnahme der Regierung zu diesem Bauvorschlag ist sehr interessant: Sie leitet ihn gleich an die Rentkammer weiter und bemerkt dazu, dass ihr die Trennung von Wohn- und Wirtschafts-teilen keineswegs akzeptabel erscheine. Die Einhauslösung, wie sie in Haigerseelbach, Bergebersbach und Nanzenbach verwirklicht worden sei, sei aus verschiedenen Gründen vorzuziehen, weil: 1. „diese Bauart der landwirtschaftlichen Absicht und Bequemlichkeit überall am gemäßesten seyn dürfte“15); 2. Hierbei mindestens ebensoviel an Bauholz und Arbeitslohn eingespart werde, wie wenn immer zwei Häuser und Scheunen aneinander gebaut werde; 3. Die Gebäude beim Einhaustyp weiter voneinander entfernt werden könnten als beim vorliegenden Plan; 4. „die Gemeinschaft, die eine Quelle von lauter Unzuträglichkeiten ist, gänzlich wegfallen werde“; 5. „die auf den Abbruch zu erkaufenden Gebäude, worauf man wegen Ermangelung des nöthigen Bauholzes bestehen muss, unmöglich nach dem Schkellschen Plan eingerichtet werden können“15).

Für den Fall, dass die Rentkammerbeamten diesen Argumenten beipflichten, werden sie von der Regierung ermächtigt, den Bauinspektor zu beauftragen, einen neuen Plan nach dem Nanzenbacher Modell anzufertigen und der Regierung baldmöglichst vorzulegen. Dabei müsste allerdings, so wird weiter ausgeführt, überlegt werden, ob die Größe der Nanzenbacher Haustypen einfach übernommen werden können; „die Verhältnisse des Vermögensstandes und die Bedürftigkeit der Unterthanen“ müssten zu diesem Zweck eine Untersuchung unterworfen werden. Fest stehe, dass die wenigsten Abgebrannten in der Lage seien, so kostbare Gebäude aufzuführen, wie sie der Bauinspektor entworfen habe. „Auch würden wohl wenigstens dreyerley Gattungen von Gebäuden, nämlich a) für Reiche, b) für Mittelmäßige, c) für Arme (unter welche letztere Gattung der größte Teil zu Frohnhausen gehöret) erforderlich seyn, und dann käme es bei der letzteren Gattung darauf an, ob nicht zur Ersparung der Kosten und überhaupt zur Erleichterung der Armen für solche allemahl zwey Häuser und zwey Scheunen samt Stallungen unter einem Dach zu erbauen stünden.“15)

Da die Rentkammer sich mit der Argumentation der Regierungskanzlei einverstanden findet, west sie den Bauinspektor an, einen Neuordnungsplan nach dem Nanzenbacher Muster zu erstellen. In einem Antwortschreiben an die Landesregierung geht die Rentkammer dann noch auf einige der Fragen ein, die Sckell bereits bei der Eingabe seines ersten Entwurfs angeschnitten hatte. Zunächst einmal könne sie dem Bauinspektor nicht in der Auffassung beipflichten, dass das Erbauen steinerner Mauern im unteren Stickwerk ohne wirklichen Nutzen sei. Ohne Zweifel seien Steinmauern dauerhafter und feuersicherer, auch könne ihre Herstellung nicht so viel teurer zu stehen kommen, wie des der Bauinspektor angezeigt habe, „da viele Landleute selbst mit dem mauern umgehen. Auch würde der Kalk zur desto mehreren Erleichterung in der Nähe zu Langen-aubach und Breitscheid gebrannt werden können“16). Bezüglich der Dachbedeckung sei es zwar das Beste, Ziegeldächer anzulegen, in der großen Notlage sei es für die Brandbeschädigten aber unzumutbar, die Ziegeldächer allgemein zu verlangen; man müsse sich schon damit zufrieden geben, wenn durchweg Strohschindeldächer angelegt werden.

Was die Frage der Untermauerung der Schwellen angehe, so stimme sie dieser Sache grunsätz-lich zu, insofern sie zur Schonung der unteren Balkenlage gegen Feuchtigkeit notwendig sei; es müsse aber darauf geachtet werden, dass die Untermauerung nicht höher als drei Fuß aufgeführt werde und zwar „um des willen, damit teils die Gebäude nicht ohne Noth erhöht, teils auch, wie sonst auf dem Land gewöhnlich ist, keine Ställe unter die Häuser gelegt werden können“17). Die Empfehlung des Bauinspektors, gleich nach endgültiger Fixierung des Bauplans ein Modellhaus verfertigen und aufschlagen zu lassen, „nach welchem sich die Zimmerleute nachher bei den übrigen Gebäuden schlechterdings richten müssen“, verdiene Beachtung und Unterstützung von Seiten der Regierung. Darüber hinaus halte sie, die Rentkammer, es für unumgänglich nötig, „dass, sobald mit dem bauen angefangen wird, ein des Bauwesens kundiger Bauaufseher bestellt werde, weil doch sonst alle Vorsichten nichts helfen werden, sondern ein jeder wieder nach seinem eigenen Gutdünken bauen wird“16). Diese Aufsicht würde am ehesten dem Sohn des Bau-inspektors Sckell18) übertragen werden können.

Unabhängig von diesen Erwägungen hat sich auch der Amtmann Rühle darangemacht, einen Planungsvorschlag zu entwickeln und, wie er bemerkt, „in dem Grundriß einiger Bauplätze meine unmaßgebliche Idee zu entwerfen, welche ich zur gefälligen Prüfung allenfalls durch Bauverständi-ge nebst einer näheren Erläuterung hier anzulegen die Gnade habe“19). Bei seinem Entwurf20) geht der Amtmann davon aus, dass die um das Dorf herumliegenden Baumgärten, „welche durch das oft geschehene Teilen unter den Erben selten über 2-4 Ruten groß und mit hohen Zwetschenbäu-men so dicht besetzt sind, dass weder die Bäume an Früchten ergiebig sind, noch unter deren Schatten Gras wachsen kann, mancher Einwohner aber 4, 5, 6 dergleichen Gartenstücke hat“19), mit in die Dorfplanung einzubeziehen seien. Auf diese Weise könnten die Gebäude weiter ausein-ander gestellt und die Brandgefahr vermindert werden, ohne dadurch wertvolle Ländereien zu verlieren. Wie die Abbildung zeigt, sollen die Gebäude in einer komplizierten und unübersichtlichen Weise so an einer regulierten Hauptstraße aufgestellt werden, dass immer Wohnhaus, Scheune, Hofraum und Garten zusammen zu liegen kommen. Ein Vorzug dieser Anordnung sei es, dass die Hofraiten sehr variabel den besonderen wirtschaftlichen Gegebenheiten der Eigentümer angepasst werden könnten; ein weiterer Vorteil bestehe ferner darin, „dass man wenig Straßen nöthig hat, ohne hier durch der erforderlichen Bequemlichkeit Abbruch zu tun. Durch den vorliegenden Plan kommen allemal zwei Reihen Gebäude und dazu gehöriger Platz zusammen, ohne dass eine Straße dazwischen hin erforderlich wäre“19).

Die Regierung leitet diesen mit noch zahllosen Detailvorschlägen versehenen Entwurf zur Begut-achtung an den Bauinspektor weiter. Dieser stellt zunächst einmal fest, dass das neu zu erbauende Dorf mit nur einer einzigen Straße so lang würde, dass es bis nahe vor die Tore der Stadt Dillenburg zu liegen käme; was dagegen die übrigen Vorschlagspunkte betreffe, so „bestehen sie meist aus Sachen, auf welche keine Rücksicht zu nehmen, da solche bey diesem Bauwesen teils nicht vorkommen, folglich nicht anzuwenden, teils aber von keinem Belang sind“21).

Möglicherweise ist der Neuordnungsvorschlag Rühles trotz dieser Ablehnung durch den Bauinspektor aber noch länger in der Diskussion geblieben, denn es dauert einige Zeit, ehe die Regierung Sckell beauftragt, nun endgültig einen Bebauungsplan nach dem Nanzenbacher Muster anzufertigen, da diese Bauweise „der landesherrlichen Absicht und Bequemlichkeit am gemäßesten ist“22).

Bis zur Fertigstellung des Plans bemühen sich die Staatlichen Stellen, die verschiedenen noch offenen Fragen der Planung zu klären und die Durchführungsformen zu bestimmen. Bezüglich der Verteilung der Bauplätze vertritt die Regierung die Ansicht, dass eine einfache Verlosung, wie sie die Rentkammer vorschlägt, den heftigsten Widerspruch der Beteiligten finden würde. Die beste Verteilungsmethode dürfte vielmehr diejenige sein, „die Bauplätze in vier Quartiere, woraus vorher das Dorf bestanden, einzuteilen, und sodann die Plätze eines jeden Quartiers unter diejenigen, die vorher zu jedem Quartier gehörig gewesen, verlosen zu lassen. Dieser Vorschlag scheint auch überall Beifall zu finden“23)

Eine ausführliche Erörterung widmen die Behörden sodann der Frage, ob es nicht ratsam sei, bei der Größe des Bauprojekts eine Schneidemühle in Frohnhausen einzurichten. Die Regierungs-kanzlei fordert deshalb von der Rentkammer ein Gutachten an, inwieweit es zutreffend sei, dass durch die Bearbeitung des Bauholzes mit der Hand der Wiederaufbau nicht nur verlangsamt, sondern auch weit kostbarer fallen würde, als wenn man zur Holzverarbeitung eine Schneidemühle einrichten würde. Die Regierung gibt zu überlegen auf, „ob nicht zu gegenwärtigem Behuf ins besondere, als auch überhaupt in Betracht der da herum liegenden Hauptwaldungen der Struth und Kalteiche zu künftiger Bearbeitung des von Zeit zu Zeit daraus fallenden Bauholzes alsbald eine Säge-Mühle an der Dietzhölz mit Nutzen anzulegen sey“24).

Die Rentkammer empfiehlt in ihrem Bericht, von einem derartigen Projekt Abstand zu nehmen, da es sowohl wegen der kostspieligen Anlage als auch wegen der geringen späteren Verwendungs-möglichkeit der herrschaftlichen Kasse nur zur Last fallen würde.

Eine weitere Frage, die ausführlich diskutiert wird, ist die der Dachbedeckung. Unter Berücksichti-gung der Nanzenbacher Erfahrungen gehen die leitenden Instanzen davon aus, dass kaum ein Brandbeschädigter in der Lage sein wird, ein Ziegel- oder Schieferdach aufzulegen; man sieht es deshalb schon als optimal an, wenn die neuen Gebäude durchweg mit guten Strohschindeldä-chern gedeckt werden. Da sich aber gezeigt hat, dass die einheimischen Dachdecker nicht in der Lage sind, wirklich einwandfreie Lehmschindeln anzulegen, so wird überlegt, ob nicht eine allgemeine Verordnung zur Einrichtung dieser Dächer herausgegeben werden soll, und ob nicht einige erfahrene Fachleute „aus dem Diezischen oder Siegenischen, die sich darauf aus dem Grunde verstehen, zur Unterrichtung jener (einheimischen Decker, P.W.) und zur Verfertigung einer Probe zu Frohnhausen… zu haben seyn möchten“25).

Die Angelegenheit der Hauholzbeschaffung macht wegen des riesigen Bedarfs natürlich besonde-re Schwierigkeiten; hinzu kommen aber noch einige erschwerende Faktoren, die allein aus dem Bestreben der Behörden nach einer zentralisierten Planungsorganisation zu erklären sind. Beispielsweise will man sich nicht dazu bereit erklären, den einzelnen Brandbeschädigten zu gestatten, sich selbst aus den Nachbargemeinden Holz zu besorgen. „Denn ob es gleich an sich nützlich und zu wünschen ist, dass so viel Bauholz für die Frohnhäuser Brandbeschädigten als nur möglich ist, aus Gemeinds-Waldungen zur Erleichterung der herrschaftlichen genommen werde, so ist es doch nicht rathsam, solches einzeln an dies und jenen Brandbeschädigten zu verweisen, denn eintheils werden daraus bey der demnächstigen Hauptanweisung für die sämtlichen Brand-beschädigten allerhand Unordnung und Verwirrungen entstehen, und man wird zuletzt nicht mehr wissen können, was der ein oder andere etwa schon aus den Gemeinds-Waldungen empfangen und noch nöthig hat; anderntheils bekommt als dann mancher mehr Eichenholz als er würklich nöthig hat und nimmt bey seinem Bau, da wo er mit Tannenholz hätte auslangen können, nichts als Eichen. Wir halten es daher für weit rathsamer, dass… dasjenige Bauholz, was diese oder jene Gemeinde aus Eigenthum etwa den Brandbeschädigten überlassen kann, mit in die Hauptanwei-sung gezogen und unter die Brandbeschädigten nach eines jeden Nothdurft repariret werde.“26)

Es versteht sich von selbst, dass durch eine solche Reglementierung die Initiative der einzelnen weitgehend gelähmt wird; doch ziehen die Behörden es vor, um den Preis eines geordneten Bau-wesens die herrschaftlichen Wälder stark zu beanspruchen. Der an vielen Einzelfaktoren bemerk-bare Unterschied zwischen den Regulierungsmethoden der frühen und der jetzigen Siedlungspla-nung tritt auch in dieser Angelegenheit zutage; hatte man zunächst diktatorisch für jede Gemeinde die Menge des abzuliefernden Bauholzes festgelegt, so versucht man nun, auf gütlichem Weg die Holzlieferungen zu erreichen. Wo dies aber nicht oder nur unter Zugeständnissen möglich ist, die die Durchführung der Planungsabsichten in Frage stellen, da ziehen die Behörden es vor, ohne die Mithilfe der Gemeinden den Neuordnungsplan zu verwirklichen.

Um die Einhaltung der Bauordnung am sichersten überwachen zu können, beschließt die Regierung, das Gesamtprojekt in drei Stufen zur Durchführung zu bringen. Der Rentkammer teilt sie mit, dass sie „sobald der Bau-Plan eingekommen und die Verlosung der Bau-Stellen geschehen seyn wird, derselben diejenigen, welche im nächsten Jahr zum bauen gelangen können, bekannt machen werde, und inzwischen hinlänglich halte, wenn vor der Hand 30-40 Gebäuden das erforderliche Bau-Holz gefället wird“27). Ferner erhält die Rentkammer den Auftrag, dafür zu sorgen, dass noch vor Beginn des Winters zwei „Probe-Gebäude“ als Baumodelle aufge-richtet werden.

Schließlich werden noch die Fragen der Feuerversicherung geregelt: das die Frohnhäuser Gebäu-de im Wert von 66600 fl. assekuriert sind, das Gesamtversicherungsquantum aber 6789290 Gulden beträgt, wird für jede 100 Gulden Versicherungshöhe 1 Gulden Brandschadensgeld erhoben.

Es bedarf einer sehr langwierigen Erörterung, um zu klären, ab die Assekurationsgelder ausschließlich für den Wiederaufbau der Gebäude gebraucht werden dürfen. Die Dillenburger Regierung verfügt zunächst, dass in jedem Fall „die Assecurations-Gelder nicht anders als zum bauen verwendet werden“28) dürfen. Da diese Entscheidung für manche Brandbeschädigte, die ein wertloses Gebäude im Feuer verloren haben, und nun der Einheitlichkeit wegen gehalten sind, ein sehr viel kostspieligeres Haus zu errichten, eine unzumutbare Belastung darstellt, kommt es zu zahlreichen Protesten, die dann schließlich zu einer Abänderung des Urteils durch den Landesherrn selber führen. Danach sei „die Notwendigkeit der Wiederaufbauung des abgebrann-ten Gebäudes als die Regel anzusehen, in den Fällen aber, wo das Unvermögen des Eigenthümers bekannt, per modum dispensationis zu verfahren“29).

Ende Oktober reicht der Bauinspektor endlich zwei „Pläne wie das abgebrannte Dorf Frohnhausen wieder aufgebaut werden soll“ bei der Fürstlichen Rentkammer ein; außerdem legt Sckell ihr den Organisationsplan einer Hofraite vor, zu dem er kurz bemerkt, dass er den Eingang entgegen dem Nanzenbacher Vorbild auf die Hofseite verlegt habe, „weil dergleichen für die Geschäfte des Landmanns, so derselbe im Hof, in der Scheuer und in den Ställen zu verrichten hat, erforderlich und bequem ist“30).

Die beiden Wiederaufbaupläne unterscheiden sich vor allem dadurch, dass der eine genau nach dem Nanzenbacher Muster, d. h. also mit jenen stets auf Lücke gestellten Gebäuden eingerichtet ist, während der andere „auf eine mehr symmetrischere“ Form gebracht worden ist, indem sich die giebelständig zur Straße geordneten Gebäude genau gegenüber liegen. Im übrigen hat sich der Bauinspektor im wesentlichen an die von den Behörden festgelegten Bestimmungen gehalten, wonach der Ort folgenden Grundriss erhalten soll: die Häuser reihen sich entlang einer 60 Schuh breiten Hauptstraße und zwei 50 Schuh breiten Nebenstraßen, die auf beiden Seiten der Hauptstraße parallel geführt werden und zusammen die geometrische Figur eines Rechtecks ergeben. Zwischen den Nebenstraßen und der Hauptstraße verläuft auf der Rückseite der Häuser jeweils eine „Hinterstraße“.

Sckell hält allerdings nach genauerer Untersuchung noch zwei Korrekturen für unbedingt erforder-lich. Einmal sei es wohl nicht möglich, immer gleichlange Straßen zu einer geometrischen Figur zusammenzuschließen, weil das Terrain zum unteren Bach hin zu sehr versumpft ist; er hält es für unausweichlich, dass ein Teil der dortigen Bauplätze an den Enden der übrigen Straßen ange-schlossen werden. „Nachdem aber diese beyden Straßen als Straßen betrachtet ganz unnütz und nicht zu gebrauchen sind und dennoch vielen Platz wegnehmen, und welchen die bauenden Unterthanen so sehr zu ersparen suchen, dabey und wegen ungleichere Länge der Hofraithen31), als welche von 36, 48, 60 und 72 Schu zu erbauen sind, weit mehrere Breite als die Hauptstraße eerhaltenwürden.“32) An Stelle der Hinterstraßen empfiehlt der Bauinspektor, Gärten anzulegen und – um den rückwärtigen Abstand der Gebäude möglichst groß ausdehnen zu können – immer ein kleines und ein großes Haus hintereinander zu stellen. „Sollte dieses gnädig genehmigt werden, so könnten die großen Hofraithen von 72 Schu lang an der Hauptstraße, hinter diesen die kleinen Hofraithen von 36 und 48 Schu, die 60 schuhigen aber am Ende nach der auswendigen Seite neben den Straßen aufgestellet werden. Da nun hier durch vieler Raum zu ersparen stünde, so könnte für den Abstand der Hofraithen nach der langen Seite, statt der gnädig bestimmten 30 Schu Breite 6-10 auch mehrere Schu zugesetz werden, zumalen die lange Seite dem Feuer mehr Flächen zeiget, die anzubrennen vermögend sind, als die schmale“.32)

Schell geht dann noch auf die Anordnung der Gebäude ein. Da nach dem Nanzenbacher Muster „durch das Versetzen der Hofraithen, da immer ein Giebel und Hof perpendiculair aufeinander stoßen, einige irregularitet entstehet, der Nutzen aber wegen mehrerer Entfernung von keinem Belang ist, immaßen die Höfe zu schmal sind“32), wo empfiehlt er die in seinem zweiten Entwurf dargestellte Lösung, wonach sich Häuser und Höfe stets genau gegenüberliegen.

Was die Verteilung der Bauplätze angeht, so fragt er an, ob man nicht insofern vom Prinzip der Verlosung abgehen könne, als denjenigen, welche sich verpflichten würden, ihre großen Gebäude mit Ziegeln oder Schiefern zu decken, die zentralen Bauplätze in der Hauptstraße anzuweisen seien.

Schließlich fügt er noch ein Verzeichnis bei, worin die für die einzelnen Gebäudegroßen benötigten Holzquantitäten aufgeführt sind nach Holzart sowie Länge und Durchmesser der Stämme.

Die Rentkammer reicht die Pläne mit den Hinweisen des Bauinspektors sogleich an die Regierung weiter und bemerkt, dass seine Abänderungsvorschläge durchweg akzeptiert werden könnten. Der Eingang zu den Wohnhäusern sei ohne weiteres33) von vorn auf die Traufseite zu verlegen; der Raum jener zunächst geplanten „Hinterstraßen“ könne in der Tat schicklicher für Gärten verwendet werden, und die gerade gegeneinander geordnete Stellung der Gebäude ergebe unstreitig ein regelmäßigeres Aussehen, als wenn immer ein Haus gegen einen Hof zu stehen komme. Was allerdings die Tiefe der Bauplätze anlange, so sei statt der bisher angenommenen 80 Fuß eine Länge von 97 Fuß anzusetzen, „damit nicht nur sothane Gartenplätze eine mehrere zweckmäßi-gere Größe erhalten, sondern auch zugleich dadurch dem Zusammenbauen der Gebäude nach der Hinterseite zu für die Zukunft so viel mehr vorgebeuget werden möge“34). Auch sei der Vorschlag des Bauinspektors, möglichst nur den großen Hausformentyp in die Hauptstraße zu verlegen, zu unterstützen, „jedoch so, dass solche doch verloset werden müssten. Dieses kann füglich geschehen, wenn bey dem Abstecken der Bauplätze zugleich bestimmt wird, auf welchen Platz ein 72, 60, 48, 36 schuhiges Gebäude zu stehen kommen solle. Ein jeder müsste sich dann erklären, nach welcher Art er bauen wolle oder könne und diejenigen, welche gleichförmig bauten, hätten alsdann die dazu abgesteckten Plätze unter sich zu verlosen“34).

Was die Holzverzeichnisse des Bauinspektors angeht, so beanstandet die Rentkammer, dass von ihm zu lange Hölzer von 30-36 Schuh gefordert würden. Solche Stämme seien aber in den herr-schaftlichen Waldungen nicht vorhanden. Damit die Holzanweisung und der Empfang des Holzes in den Waldungen geordnet vor sich gehe, regt die Rentkammer schließlich noch an, einen Zimmermeister aus Frohnhausen als Aufsicht dafür zu verpflichten.

Sämtliche Abänderungsvorschläge Sckells mit den Empfehlungen der Rentkammer werden von der Regierung genehmigt. Lediglich in der Frage der Bauplatzverteilung entscheidet sie sich für eine andere Methode. Und zwar soll, um weiteren Verzögerungen aus dem Wege zu gehen, auf eine Befragung der Bauenden, welchen Hausformentyp sie errichten möchten, verzichtet werden. Es soll vielmehr so vorgegangen werden, dass behördlicherseits nach Maßgabe der im Brandka-taster verzeichnete Versicherungsbeiträge vier Klassen gebildet werden; jede Klasse hat dann die abgesteckten Bauplätze untereinander zu verlosen. Wer allerdings ein großes Gebäude mit Ziegeln oder Schiefer zu decken beabsichtigt, der soll bevorzugt einen der Plätze an der Hauptstraße angewiesen gekommen.

Vom Bauinspektor erwartet die Regierung, dass nun „mit Aussetzung aller sonstigen minder dringenden Geschäfte sofort die Abmessung, Absteckung und Anweisung der Bauplätze planmäs-sig vornehme, über dieses alles einen deutlichen Abriss verfertige und solches sodann unverzüglich anhier einliefere, damit hiernächst die weiteren Maasnahmen getroffen werden können“35).

Damit sind die sehr ausführlichen Planungsüberlegungen abgeschlossen und der eigentliche Wiederaufbau kann beginnen. Zunächst werden von den Behörden diejenigen bestimmt, die „am dringlichsten“ zur Aufrichtung ihrer Gebäude zuzulassen sind: es werden 54 Brandbeschädigte benannt, von denen 38 zur Klasse derjenigen zählen, die zum Aufbau des größten Hausformen-typs von 72 Schuh Länge gelangen sollen; die restlichen 16 Eigentümer werden ein 62 Schuh langes Gebäude aufschlagen36).

Der Sohn des Bauinspektors, Interims-Chausse-Aufseher Carl Sckell, erhält sodann den Auftrag, die Baugrundstücke abzumessen, jedes in den gleichen Ausmaßen von 62 mal 97 Fuß, und Bauplätze in den verschiedenen Größenklassen abzustecken.

Nachdem dies geschehen ist, begeben sich ein Vertreter der Landesregierung, der Amtmann und der Bauinspektor nach Frohnhausen, um die Bauplätze zu verteilen.

Aus dem hierüber angelegte Protokoll geht hervor, dass der Amtmann zuerst den versammelten Brandbeschädigten die Planungskonzeption der Regierung dargestellt hat. Nachdem er ihnen dann mitgeteilt hat, dass „die Straße so wie das Gestade der beyden Bäche … auf gemeinsame Kosten der Einwohner ausgegraben und in den Stand gestellt werden“37) müssen, wird den Einwohnern die Wahl gelassen, ab sie die Plätze verlosen, sich untereinander vergleichen oder die Austeilung der Obrigkeit überlassen wollen. Die meisten entscheiden sich dahingehend, dass der Bauinspektor zusammen mit dem Heimberger und dem Gemeindevorstand zunächst einen Verteilungsentwurf anfertigen sollen. Nach deren Vorschlag werden dann die Plätze „zur allgemei-nen Zufriedenheit“ aufgeteilt.

Diejenigen Abgebrannten, die vorerst noch nicht aufbauen können, bekommen an den Enden der Straßen Grundstücke zugewiesen, für die sie 10 Jahre keine Steuer zu zahlen brauchen. Die der-zeitigen Besitzer sollen aber das Nutzungsrecht dieser Randparzellen solange behalten, bis jene diese Plätze zum festgesetzten Preis von 1 Gulden, 15 Albus kaufen, ums sie dann zu bebauen38).

Zusammen mit dem nun endgültig ausgeführten Bebauungsplan39) reicht der Bauinspektor der Regierung noch ein Gutachten ein, worin er bemerkt, dass die Arbeiten zur Begradigung der durch die Hauptstraße führenden Wasserläufe vordringlich sind, „weil sonsten diejenigen, welche auf diese (noch unbegradigten, P.W.) Flüsschen zu bauen kommen, ihr Mauerwerk nicht aufführen können“40).

Der nun einsetzende Wiederaufbau macht die Auszahlung der Versicherungsgelder notwendig. Allein, die Eintreibung der Beiträge stellt die Regierung vor unerwartete Schwierigkeiten. Vor allem die Städte sehen sich nicht in der Lage, die Zahlungstermine einzuhalten. Die Eingabe der Stadt Diez ist besonders aufschlussreich und soll kurz wiedergegeben werden: Da kaum die Hälfte der Bürger so vermögend sei, um die Umlagebeträge bezahlen zu können, die für die Stadt mehr als 3000 Gulden ausmachen, so ersucht der Vorstand die Regierung, die Stadt aus der Brandasseku-ration loszugeben. Als Begründung wird angeführt, dass ihnen durch die immer neuen „Mordbren-nereien“ im Fürstentum Dillenburg schwere Schäden entstünden. Es sei hinlänglich bekannt, dass dort allein seit diesem Jahrhundert „für mehrere Tonnen Goldes“ Dörfer und Städte abgebrannt seien. Die Ursache liege hierfür „theils in der Bosheit der Menschen, theils selbsten in der schlech-ten Bauart, theils in denen schlechten Anstalten und bösen Willen zu löschen“41).

Die Regierung zeigt sich zwar bereit, die Zahlungstermine zu verlängern, was jedoch die Bemühung um den Austritt aus der Brandversicherungs-Gesellschaft betrifft, so äußert sie sehr entschieden: „Diesem unstatthaften Suchen steht nicht zu willfahren“42).

Es lässt sich hier wieder feststellen, dass die Regierung durchaus bemüht ist, ihre Absichten unter Anerkennung der berechtigten Ansprüche der Untertanen und in einem Ausgleich der Interessen aller auszubilden, dass sie aber in grundsätzlichen Fragen andererseits keine Einwendungen zulässt, wen diese die Durchführung ihres Ortsplanungswerks zu gefährden drohen.

Im kleinen kommt diese Haltung der Regierung auch in ihren Maßnahmen zur Erreichung einer einheitlichen, modernen Fachwerkstruktur zum Ausdruck.

Als beispielhaft kann das Vorgehen der Behörden gegen den Heimberger angesehen werden. Sein von einem Zimmermeister aus dem Greifensteinischen (Kr. Wetzlar) aufgeschlagenes Haus43) ist in mehreren Punkten dem Plan zuwider ausgeführt worden: unter anderem hat man nach alter Gewohnheit das zweite Stockwerk übergesetzt und statt der verordneten Tannehölzer auch bei der Innenkonstruktion Eichenbalken verwendet. Der Amtmann Rühle erhält den Auftrag, sich zusammen mit dem Bauinspektor nach Frohnhausen zu begeben, um das Gebäude einer genauen Kontrolle zu unterziehen. Wenn der Übersatz des zweiten Stocks mehr als 1 ½ Zoll ausmache „oder der deshalbige Fehler für das Gebäude wirklich schädlich und nicht füglich zu übersehen sein sollte … (so hätten sie, P.W.) solches ohne Anstand ändern zu lassen, auch zugleich den arbeitenden Zimmerleuten die Bedeutung zu thun, dass wenn sich einer unterstände, den Riss des Bauinspektors Sckell in Ansehung der äußeren Einrichtung entgegen zu handeln, auf dessen alleinige Kosten das Gebäude demontiret werden solle“44).

Um derartige Abweichungen von den staatlichen Ordnungsvorstellungen zu vermeiden, hatten die Behörden von Anfang an geplant, einen Musterbau aufstellen zu lassen; sein Aufbau verzögerte sich etwas, weil die zunächst bestimmten Eigentümer sich nicht dazu bereit finden wollten, ihr Haus als Baumuster herrichten zu lassen.

Als dann der zum Modell bestimmte Bau45) aufgeschlagen ist, wendet sich die Gemeinde mit einer Eingabe an die Regierung. Darin stellt sie fest, dass „sämtliche Gemeinds-Glieder nach genomme-nen Augenschein als fehlerhaft und höchst schädlich befinden“46), dass zunächst einmal die Schweineställe aus den Häusern in die Scheunen verlegt worden seien. Dann beanstandet sie, dass „die Riegeln in denen Wänden so vorgesetzt, dass die Gefach wohl 4, das ander aber nur 2 ½ Schu hoch ist. …Das ungleiche einfügen der zwei Riegel in denen Gefachen ist denen Eigen-thümern der Häuser um des willen höchst schädlich, weilen die 4 Schu hohe Gefächer ohnmöglich mit Gerte und Leimen zugemacht werden können, sondern in kurzer Zeit durch Wind und Regen eingestürmet werden müssen“46). Ferner seien die Büge, die ja die Eckpfosten halten müssten, „umgekehrt gesetzt“47); diese Bauart hielten sämtliche Zimmerleute für sehr gefährlich.

Was aber die Stockwerke betreffe, so seien diese ohne den geringsten Übersatz genau eins über das andere gebaut. Da nun aber bekanntlich die Balken aus weichem Tannenholz gefertigt würden, so müssten die Balkenköpfe sehr schnell verderben. Durch das Übersetzendes zweiten Stockwerks aber könne ein Gebäude viel besser konserviert werden, „auch gewinnen die Gebäude des ganzen Dorfes dadurch ein weit besseres Aussehen“46),.

Die Regierungsantwort auf diese Einwendungen ist nicht mehr vorhanden; die Betrachtung des Baubestands zeigt jedoch, dass in der Frage der Vorkragung des oberen Stocks offenbar der bereits erwähnte Kompromiss verallgemeinert worden ist, wonach der Überstand maximal 1 ½ Zoll betragen durfte. Hinsichtlich der Anbringung der Riegel scheinen die Behörden aber darauf bestanden zu haben, dass diese nicht in einer Höhe durchlaufend, sondern nur so versetzt angebracht werden soll, dass die nebeneinanderliegenden Gefache stets ungleich groß wurden.

Merkwürdigerweise finden sich in den Nebenstraßen häufiger Bauten, die durchlaufende Verriege-lung zeigen. Dies ist einmal dadurch zu erklären, dass diese Häuser abseits liegen und deshalb auf ihre Gestaltung nicht so großer Wert gelegt wurde, zum andern vor allem dadurch, dass sie erst im folgenden Jahr gebaut wurden, als die Bauaufsicht nicht mehr genau durchgeführt wurde.

Der weitere Wiederaufbau geht ohne nennenswerte Zwischenfälle und so zügig voran, dass im Juni 1779 – also genau ein Jahr nach dem Brand – bereits 84 Gebäude aufgeführt und noch 15 andere im Bau sind48). Im Gleichen Jahr werden außerdem noch die neuen Straßen kanalisiert und planiert.

Diese erstaunliche Aufbauleistung ist z. T. dadurch möglich, dass einmal relativ viele Altbauten auf Abbruch gekauft worden sind, die natürlich einen raschen Aufbau befördern. Wie eine genauere Formenanalyse der Bausubstanz erkennen lässt, sind – über die 9 aus den Akten erfassbaren Altbaukäufe hinaus – insgesamt etwa 15 alte Gebäude in Frohnhausen aufgestellt worden. Diese zeichnen sich durch ein bewegtes und kräftiges Fachwerk aus; Streben und Gegenstreben, Brust- und Halsriegel und Knaggen treten nicht selten in reicher Fülle auf. Eine Besonderheit dieser Bauten liegt darin, dass stets die der Straße zugewandte Giebelfront dem modernen, sachlichen Stilideal angepasst ist. Offenbar geht eine obrigkeitliche Bestimmung dahin, dass – entsprechend der immer betonten und erstrebten Einheitlichkeit des Gesamtbildes – die Altbauten giebelseitig den modernen Gebäuden angeglichen werden müssen.

Zum anderen kann das Frohnhäuser Bauwesen nicht zuletzt deshalb gut vorankommen, weil „aus dem Auslande“ Handwerker herbeigeholt worden sind. Diese Idee ist zwar nicht neuartig – schon beim Wiederaufbau Niederschelds war ja in Erwägung gezogen worden, „ausländische“ Handwer-ker in Arbeit zu nehmen – , hier aber findet sich nun erstmals ein Beweis, dass tatsächlich Hand-werker von außerhalb am Aufbau Frohnhausens teilgenommen haben. So berichtete eine Inschrift davon, dass ein Zimmermeister von Frömmersbach „aus dem Schwarzenbergischen“ ein Gebäude vom größten Bautyp49) gezimmert und aufgeschlagen hat. Aus dem Nordwesten des heutigen Oberbergischen Kreises sind also Zimmerleute nach Frohnhausen gerufen worden, um hier einen beschleunigten Wiederaufbau verwirklichen zu helfen.

Versucht man die Leistung dieser Siedlungsplanung in den wesentlichen Zügen zu charakterisie-ren, dann muss auf zwei sich gegenseitig fördernde und bedingende Komponenten besonders hingewiesen werden: einmal auf das sehr rege Streben, die natürlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten möglichst adäquat wahrzunehmen und planend zu berücksichtigen; dann auf jene günstige Ausgewogenheit zwischen Anpassungs- und Durchsetzungswillen in den Maßnahmen der Behörden.

Die Einsicht in die besonderen Erfordernisse des Raumes lässt die Regierung die zunächst in der Abstraktion völlig geometrisch gedachte Planfigur geländegerecht abwandeln; die arbeitswirt-schaftlichen Nachteile des giebelseitigen Einhauses werden gewichtig genug befunden, die Leitform des Nanzenbacher Haustyps zum traufseitig aufgeschlossenen gestelzten Quereinhaus weiter zu entwickeln; dieser Haustyp wird entsprechend den vorgegebenen sozial-wirtschaftlichen Verhältnissen durch verschiedene Größenformen modifiziert.

Die Verwirklichung der gesteckten Ziele ist einmal dem wachsenden Verständnis der Betroffenen für die Ortsplanung im allgemeinen verdankt, insofern nämlich der Zwangscharakter, wie er für die frühe Planung durchgängig festgestellt werden konnte, teilweise überflüssig wird, wodurch wiederum Raumordnungsenergien für die qualitative Verbesserung der Ortsplanung freigesetzt sind. Darüber hinaus ist das ordnende Bewusstsein der and er Planung und Durchführung beteiligten Beamten von ausschlaggebender Bedeutung für das gute Ergebnis dieser Siedlungs-neuformen.

Nanzenbach und Frohnhausen

An diesen beiden Orten der mittleren Planungsperiode soll nun zu zeigen versucht werden, in welcher Weise hier die durch die Dynamik starken Bevölkerungswachstums 50) bedingten Raum-spannungen gelöst werden können. Um die Wende zum19. Jahrhundert kommen aus den Gemeinden Nanzenbach und Frohnhausen erste Gesuche bei den Behörden ein, die um Erlaubnis einer Gebäudeteilung nachsuchen.

Zunächst steht die Regierung solchen Anträgen völlig ablehnend gegenüber. Als aber bei häufiger werdenden Erbfällen die Gesuche zunehmen und die Teilungen schließlich ohne die Genehmi-gung der Behörden vorgenommen werden, ändert die Regierung ihre Haltung. Wenn die Teilung auch noch so sehr bedauert wird, so erscheint sie doch als die einzig mögliche Konsequenz, solange die Realteilungssitte vorherrschend ist. Denn da mit der Teilung des ohnehin nur geringen Grundbesitzes auch der Bedarf an Wirtschaftsraum kleinere wird, so halten es die Beamten für sinnvoller, wenn die Gebäude in zwei Hälften geschieden werden, als dass von den unvermögen-den Erben versucht wird, ganz neue Häuser zu errichten. Um diese letztere Lösung zu vermeiden, geht die Rentkammer so weit, der Regierung zu empfehlen, „daß keinem die Erlaubnis zum bauen ertheilt werden möge, ehe und bevor er angewiesen hat, wie er die Kosten des vorhabenden baus aufzubringen in Stand sey. Ein Obdach zu haben, gehört zwar zu den ersten und dringlichsten bedürfnissen des Menschen. Indessen finden sich allenthalben noch gelegentlich Wohnungen zu miete. Für den ärmeren Theil ist dies allzeit vortheilhafter als sich eigene Häuser zu bauen“51)

Auch findet bewusst der Gesichtspunkt Berücksichtigung, dass bei der Gebäudeeinteilung, wenn sie nur nach Maßgabe der Baubehörde in vorschriftsmäßiger Weise vollzogen werde, die Ordnungsprinzipien der ursprünglichen Baupläne besser eingehalten werden können, als wenn immer neue Gebäude errichtet werden. Als typisch ist die Entscheidung anzusehen, welche anlässlich der Erbteilung des Joh. Henrich Schmit aus Nanzenbach vom Baufachmann vorgeschlagen wird: „Die Teilung des Hauses und der Scheuer in 2 Teile könnte unter vorbehalt der Gradlinigkeit dergestalt gestattet werden, daß bei jedem Teil Hauses ein Teil der Scheuer bleibe52).

Gefördert durch die politisch und verwaltungsmäßig unübersichtlichen Verhältnisse der ersten Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum Anschluss des Untersuchungsgebietes an das Großherzog-tum Berg kommt es zu zahlreichen Teilungen, die ohne Genehmigung der Behörden stattfinden. Die dadurch entstehenden Unregelmäßigkeiten – es kommt z. B. vor, dass ein Haus drei und vier Erben zufällt, die es in höchst unbrauchbaren Formen unter sich aufteilen – werden von den Beamten verurteilt und, wenn fassbar, bestraft. Sehr treffend wird die Situation anlässlich eines Teilungsgesuchs der Erben des Christian Bastian aus Frohnhausen vom Dillenburger Amtmann geschildert: „Auch die Supplicanten wollen eine widersinnige Theilung der Gebäude vornehmen, wie man sie in Frohnhausen so gerne vornimmt, ohne der Obrigkeit davon etwas zu wissen zu thun. Nur weil hier eine Vormundschaft der jüngeren Kinder ins Spiel kommt, kann die Obrigkeit nicht umbangen werden, sonst würde auch niemand etwas davon vernehmen und die widersinnige Theilung von Statten gehen. Man will hier wieder Haus und Scheuer, welche unter einem Dach stehen, trennen und zwar in 3 Theile theilen, so daß das Haus, welches zu zwey Wohnungen eingerichtet werden kann, an 2 Kinder, die Scheuer aber an das 3. komme. Solche Theilung nicht zu gestatten, vielmehr nur soviel nachzugeben, daß nach vorheriger Besichtigung der Baubehörde das haus allenfalls in 2 Theile getheilt und zu zweyen Wohnungen eingerichtet werde, die Scheuer aber entweder diesen zweyen Haustheilen belassen und nicht ganz davon abgesondert wird, damit nicht das eine Kind eine Wohnung untern und eine Scheuer oben im Dorf und umgekehrt erhalte.“53)

In welchem Umfang diese Gebäudeteilungen vorgenommen wurden, geht aus einer Bemerkung des Zimmermeisters Freischlad aus Frohnhausen hervor, der sich auf die Anklage, eine behördlich nicht genehmigte Teilung ausgeführt zu haben, mit dem Hinweis zu entlasten versucht, dass in Frohnhausen bereits „wenigstens 30 Häuser in zwey Wohnungen seyen und als solche doppelt bewohnt würden“54).

Die Art der Umwandlung kann am Teilungsgesuch des J. Schnautz aus Frohnhausen deutlich gezeigt werden. In dem dazu erhaltenen gutachtlichen Bericht wird betont, dass die meisten Häuser zu Frohnhausen aus 6 Teilen bestehen, nämlich einem dreiteiligen Haus und einer ebenso großen Scheune. „Das Haus hat demnach Hausehrn und Stuben zu beiden Seiten und die Scheune eine Tenne mit Sturz und Stall auf jeder Seite derselben. Es fand sich bald nach der Erbauung des Dorfes, und man schien bey diesem schon darauf Rücksicht genommen zu haben, daß es an Wohnungen fehlte; es wurde daher in vielen Fällen gestattet, daß aus einem solchen aus 6 Theilen bestehenden Gebäude 2 Wohnungen gemacht wurden, in dem man dem vorderen Hause Stube und Hausehrn ließ, zu der anderen Stube aber noch einen Sturz oder einen Theil von der Scheuer nahm, aus diesem sodann Hausehrn und Küche mit einem besonderen Schornstein machte und nun das ganze durch eine vollständige Wand von der Scheuer trennte. Es entstanden demnach aus einem dreytheiligen Hause und einer dreytheiligen Scheuer nun 2 zweytheilige Häuser und eine zweytheilige Scheuere.“55)

Der Baumeister Schrumpf legt hierzu einen Plan56) vor, der das Prinzip der Umwandlung noch einmal verdeutlichen kann, und fügt die Bemerkung hinzu, „daß der größte Theil der Wohnungen in Frohnhausen auf eine ähnliche Weise verteilt und zerstückelt sind, und ich glaube, daß mit den vielen Ausnahmen von der Regel, die daselbst geschehen sind, auch noch diese wird mit durchpassiren können“57).

Betrachtet man die weitere Entwicklung der beiden Orte während des 19. Jahrhunderts, so zeigt sich, dass die aufgewiesene Umwandlungstendenz unverändert fortwirkt. Für Frohnhausen lässt sich feststellen, dass bis zum Jahr 185258) nur 9 z. T. äußerst kleine Ausbauten errichtet worden sind. Dennoch werden – bei dem fast gleich großen Gebäudebestand – statt 120 Hausbesitzer des Jahres 1780 zu diesem Zeitpunkt 220 Hausbesitzer gezählt; der größte Teil der Gebäude muss also mehrere Eigentümer haben.

Gegenwärtiges Erscheinungsbild der Planungssiedlungen

Die Betrachtung des ursprünglichen Planungsbestands in seinem heutigen Zustand geschieht in einer doppelten Absicht: erstens soll festgestellt und beurteilt werden, inwieweit die Zielsetzung dieser frühen Raumordnungspolitik, einen geordneten ländlichen Siedlungsraum zu schaffen, bis in die Gegenwart – also 140 – 220 Jahre nach ihrer Statuierung – Gültigkeit behalten hat; zweitens soll durch die systematische Erfassung des Erscheinungsbildes die Differenzierung in der Gebäudenutzung aufgrund unterschiedlich starker Wirtschaftsdynamik aufgewiesen werden.

Um ein möglichst genaues Bild vom gegenwärtigen Zustand der Planungssiedlungen geben zu können, wurde zunächst eine Baubestandsaufnahme durchgeführt; die Kartierung der Untersuchungsorte erfolgte auf Grundlage großmaßstäblicher Ortspläne (1:2000 bis 1:2500)59). Bei diese kartographischen Aufnahmen60sind die Ergebnisse für jeden Untersuchungsort in zwei Figuren dargestellt; auf einem Blatt sind die erhalten gebliebenen Gebäudeteile, auf einem zweiten die Umwandlungen des ursprünglichen Planungsbestands wiedergegeben61).

Um nun eine Analyse des komplexen Sachverhalts vornehmen zu können, soll versucht werden, durch Auszählung der einzelnen Merkmale zu quantitativen Größen zu gelangen, die eine verglei-chende Betrachtung und Bewertung zulassen.

Aus der Tabelle vier geht zunächst einmal hervor, dass sich – mit Ausnahme der Orte Hörbach und Niederscheld – allgemein ein verhältnismäßig hoher Anteil des ursprünglichen Planungsbe-stands bis heute erhalten hat62). Die Tabelle führt sodann die Summe derjenigen Prozentanteile auf (Spalte 9), die aus den Prozentbeträgen aller ursprünglichen Bauteile gebildet ist; hierzu wurden auch die Spalten 5 und 7 gerechnet, da es sich dabei um Bauteile handelt, die noch zum ursprünglichen Baubestand gehören.

Aus der Prozentsummenangabe lässt sich nun ersehen, dass sich in Bergebersbach relativ die meisten Altbauten erhalten haben, während ihr Verhältnisanteil in Driedorf und Eibelshausen mit Abstand am niedrigsten liegt.

Die Leistung der Raumordnungsunternehmen lässt sich nun nicht allein durch ihren Erhaltungs-grad bemessen; denn ohne jeden Zweifel ist der ortsgestalterische Einsatz der Planungsbehörden in Eibelshausen höher zu bewerten als in Bergebersbach. Sucht man also zu einer quantitativen Bewertung der einzelnen Ortsgestaltungslösungen zu gelangen, so sind die verschiedenen, ihre Weiterentwicklung beeinflussenden Veränderungskräfte in Rechnung zu stellen.

Ein Faktor, der einen wesentlichen Teil dieser Veränderungskräfte repräsentiert, ist durch die Zuwachsrate der Wohnbevölkerung gegeben. Einmal spiegelt sich darin die Nähe der Industrie-standorte; dann kommen darin das Maß und die Art der materiellen Lebensbedürfnisse zum Aus-druck: die Bedarfsdeckung erfordert entsprechende bauliche Einrichtungen, die bis zu Tankstellen und Spezialgeschäften reichen. Diese verschieden intensiven Wandlungskräfte richten sich vor allem auf den ursprünglichen Planungsbestand, da er stets das Zentrum der Ortslage bildet. So finden sich in den Untersuchungssiedlungen die gewerbliche Standorte fast ausschließlich im Bereich des geplanten Ortskerns.

Wenn man nun die Wachstumsrate der Wohnbevölkerung innerhalb des Zeitraums von 1750 – 1965 in Prozent ausdrückt und – wie das in der Tabelle 5 geschehen ist – mit den Prozentsummen des Altbaubestands multipliziert, dann ergeben sich Rangordnungswerte, die eine treffende Beurteilung der Raumordnungsbestrebungen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts darstellen.

Frohnhausen erhält eindeutig den ersten Rang, gefolgt von Eibelshausen, Donsbach und Langen-aubach. Damit ist eine Wertung gegeben, die dem physiognomischen Gesamteindruck entspricht. Denn trotz aller Umwandlungserscheinungen haben sich in diesen Siedlungen die alten Planungs-prinzipien am beste erhalten und bilden noch heute eine geordnete und harmonische Einheit. Dabei dürfte die Ziffer von Eibelshausen durch die ungewöhnlich sprunghafte Zunahme der Wohnbevölkerung, die 851 % ausmacht, etwas zu stark angehoben sein.


Die nächsten Plätze der Rangordnungsskala werden von Nanzenbach und Manderbach eingenommen. Die Gruppierung dieser beiden Planungssiedlungen hinsichtlich der Raumordnungsbemühungen, die sie verkörpern, ist durchaus gerechtfertigt. Die folgenden Rangplätze werden von Sechshelden und Haigerseelbach belegt. Tatsächlich können diese zwei formal sehr unähnlichen Orte fast gleichgestellt werden. Haigerseelbach weist zwar einen Mangel an planvollen Regulie-rungsformen auf, die weitläufige Gebäudeanlage und die Anpassungsfähigkeit der Einhausform werten diesen Nachteil aber wieder auf; umgekehrt bildet Sechshelden zwar eine geometrische Ortsanlage aus, die Enge und die Verbauung des Grundrisses, der Schematismus der Gebäude-anordnung sowie die Schwierigkeit der Hausformenveränderung mindern den Wert des planeri-schen Einsatzes jedoch erheblich herab. Dieser Gruppe kann auch der Ort Bergebersbach zuge-ordnet werden.

Am auffallendsten ist der außerordentlich niedrige Wert, der sich für Driedorf ergibt. Zum Teil ist dies darin begründet, dass bei der Kartierung alle Gebäude einbezogen wurden, die innerhalb des abgesteckten Planungsbereichs liegen. Da aber nach dem Brand der westliche Ortsteil lange Zeit unbebaut blieb, wurde eine Reihe von Bauten erfasst, die den Anteil an Neubauten fälschlich erhöhen.

Aber auch wenn diese Einbeziehung unberücksichtigt bleibt, kommt dem Ort ein niedriger Rang zu. Hierfür ist sowohl die mit Abstand kleinste Bevölkerungszuwachsrate als auch der hohe Verände-rungsgrad der Planungssubstanz verantwortlich zu machen. Aus der Form der Umbauten wie auch aus den neu errichteten Gebäudeanlagen geht klar hervor, dass das Hausformenprinzip des Zwei-reihers einmütig verurteilt und durch die Einhausform ergänzt und ersetzt worden ist. Die Notwen-digkeit häufiger nachträglicher Umformungsmaßnahmen, die in nicht geringem Maß zur Verbau-ung des alten Planungsbestands geführt hat, rechtfertigt so den niedrigen Bewertungsindex.

Den untersten Rangplatz nimmt Hörbach ein. Hierher ist auch Niederscheld zu stellen, ohne dass genaue Zahlen dafür angeben werden können. Wenngleich diese Siedlungen durch besondere äußere Einwirkungen weitestgehend vernichtet worden sind, so ist aber auch mit einer solchen Veränderung in einer unbestimmten Weise ein Urteil über den Wert der Ordnungsleistungen gefällt.

Die aufgestellte Rangordnung, die hauptsächlich auf einer Berücksichtigung der Wandlungskräfte beruht, wie sie in der Höhe des Bevölkerungszuwachses zum Ausdruck kommen, findet grundsätz-liche Bestätigung durch ein weiteres Mobilitätsmerkmal, welches durch den Grad der gewerblichen Durchsetzung gegeben ist. Lediglich der Ort Driedorf erhält bei Berücksichtigung dieses Kriteriums eine veränderte Einordnung. Absolut gesehen liegt er noch vor Langenaubach an dritter Stelle hinter Frohnhausen und Eibelshausen. Offenbar findet in dieser verhältnismäßig hohen Zentralität die geschichtliche Entwicklung, d. h. die städtische Tradition, ihren sichtbaren Niederschlag. Dies kann nur bedeuten, dass dem Ort ein etwas höherer Rang zukommt, als er aufgrund der übrigen Bewertungskriterien erhalten hat.

Ein solches Bewertungsverfahren kann natürlich nicht als absolute Aussage verstanden werden, vielmehr kommen darin nur relative Rangunterschiede zum Ausdruck. Immerhin bestätigt diese Beurteilung des Ortsregulierungswerks vom heutigen Zustand aus die gleichen Tendenzen, die schon aus den vorhergehenden Betrachtungen erkannt werden konnten, dass nämlich in der mitt-leren und späteren Wiederaufbauperiode die gültigsten Planungsleistungen erbracht werden.

Erläuterungen

1) Joh. Aug. Friedemann Rühle v. Lilienstern (1744-1829) hatte maßgeblichen Anteil am Wiederaufbau der Dörfer Frohnhausen und Donsbach. Als Herausgeber der Wochenschrift „Dillenburger- Intelligenznachrichten“ von 1773 bis 1809 hat er sich in der Verwaltung einen besonderen Namen gemacht.
2) Vgl. HSTAW, 172, 203, 1. Bd. (23.5.1769).
3) HSTAW, 172, 203 1. Bd. (26.11.1774).
4) HSTAW, 172, 995 (27.7.1778).
5) HSTAW, 172, 995 (28.7.1778).
6) HSTAW, 172, 995 (28.7.1778).
7) Gleichzeitig waren auch die Beamten der umliegenden Ämter angewiesen worden, die in ihrem
Verwaltungsbereich auf Abbruch zu verkaufenden Gebäude der Regierung anzuzeigen.
8) Dillenburger-Intelligenz-Nachrichten (5.9.1778).
9) Sehr zahlreich scheinen die Ankäufe der Abbruchbauten allerdings nicht gewesen zu sein; aus
den Brandakten lassen sich nur 9 Altbaukäufe belegen.
10) HSTAW, 173, 880 (15.8.1778).
11) HSTAW, 172, 995 (4.8.1778).
12) Vgl. Fig. 18; dieser Plan, der bereits 5 Jahre früher anlässlich eines kleineren Brandes zu
Wissenbach entstanden ist, zeigt genau die gleiche Einrichtung, wie sie für Frohnhausen be-
schrieben ist.
13) HSTAW, 172, 995 (24.8.1778).
14) HSTAW, 173, 880 (27.8.1778).
15) HSTAW, 172, 995 (17.9.1778).
16) HSTAW, 172, 995 (17.9.1778).Einmal kommt hiermit die Besorgnis der Behörde zum Ausdruck,
die Gebäude könnten durch die Stelzung der Wohnteile zu hoch werden, um im Fall eines Bran-
des wirkungsvoll gelöscht werden zu können; zum andern ist hier einer der Hinweise dafür ge-
geben, dass der durch die Stelzung gewonnene Raum ursprünglich nicht als Viehstall gedacht
war.
17) Carl Wilhelm Sckell, Interims-Chaussee-Aufseher, war 1773 mit seinem Vater nach Dillenburg
gekommen, wo ihm die Leitung des Chausseebaus übertragen wurde. Seit dem Jahr 1786 über-
nimmt er die Aufsicht über das gesamte Bauwesen im Fürstentum Diez. Er ist besonders für die
Verbreitung des modernen Fachwerkbaus wichtig.
18) HSTAW, 172, 995 (21.8.1778).
19) Vgl. Fig. 19.
20) HSTAW, 172, 995 (7.9.1778).
21) HSTAW, 172, 995 (29.9.1778).
22) HSTAW, 172, 995 (29.9.1778).
23) HSTAW, 173, 880 (12.9.1778).
24) HSTAW, 173, 2446 (27.10.1778).
25) HSTAW, 172, 996 (29.9.1778).
26) HSTAW, 172, 996 (20.10.1778).
27) HSTAW, 172, 996 (5.11.1778).
28) HSTAW, 172, 203, 3. Bd. (26.12.1779).
29) HSTAW, 172, 996 (30.10.1778). Sämtliche Pläne sind nicht erhalten und nur aus den beigefüg-
ten Anmerkungen bekannt.
30) „Hofraithe“ hier für Gebäude.
31) HSTAW, 172, 996 (30.10.1778).
32) Es scheint, als ob das Prinzip der Feuerhütungskontrolle, das darauf gerichtet war, die Eingänge zu Wohn- und Wirtschaftsteilen möglichst extrem auseinander zu legen, hier bereits nicht mehr verstanden wird.
33) HSTAW, 172, 996 (7.11.1778).
34) HSTAW, 172, 996 (10.11.1778).
35) Es lässt sich hier das gleiche Differenzierungsprinzip erkennen wie beim Aufbau Nanzenbachs: Die Wohlhabendendsten erhalten die zentralsten Bauplätze und zuerst die Baugenehmigung.
36) HSTAW, 172, 996 (1.12.1778).
37) Wie aus einer späteren Aufstellung hervorgeht, waren 1782 noch 8 dieser peripheren Grundstücke unbebaut. Vgl. HSTAW, 172, 196 (2.2.1782).
38) Vgl. Abb. 16.
39) HSTAW, 172, 996 (30.12.1778).
40) HSTAW, 172, 996 (3.12.1778).
41) HSTAW, 172, 996 (12.12.1778).
42) Es handelt sich um das Haus Hauptstraße 73.
43) HSTAW, 172, 996 (19.12.1778).
44) Vgl. Abb. 18 (Lindenstraße 37); da der vordere Wohnteil mit Kunststoffplatten verkleidet ist, kann das Bauprinzip des Fachwerks nur an einem Teil der Scheune gezeigt werden.
45) HSTAW, 172, 996 (28.12.1778).
46) Vgl. Abb. 18; bereits auf dem ersten Plan Sckells (vgl. Fig. 18) sind die Streben, nach innen geschrägt (=“umgekehrt gesetzt“), in dem unteren Schwellen- und dem oberen Rähmholz verzapft.
47) Dillenburger-Intelligenz-Nachrichten, 1779, Sp. 494.
48) Vgl. Abb. 17.
49) Im Zeitraum von 1750–1804 stieg die Bevölkerung in Nanzenbach um 31%, in Frohnhausen um 52%
50) HSTAW, 173, 881 (24.11.1785), betrifft Frohnhausen.
51) HSTAW, 172, 197 (ohne Datum, etwa um 1800).
52) HSTAW, 173, 881 (20.09.1806).
53) HSTAW, 178, 191 (7.7.1814).
54) HSTAW, 178, 191 (31.7.1815).
55) Vgl. Fig. 26.
56) HSTAW, 178, 191 (27.8.1815).
57) Vgl. HSTAW, 222, 1658 (Gebäude-Steuer-Kataster).
58) Vgl. Fig. 27.
59) Die Beschaffung brauchbarer, d. h. hinreichend exakter Kartengrundlagen erwies sich dabei als schwierig. Da teilweise keine Ortspläne vorhanden waren, mussten photogrammetrisch ausgemessene Luftbilder (Donsbach, Frohnhausen Langenaubach, Sechshelden) und verkleinerte und ergänzte ältere Kartenaufnahmen (Nanzenbach, Manderbach) herangezogen werden. Im Falle Haigerseelbach war auf keine vorhandene Vermessung zurückzugreifen; die selbst aufgenommene Ortslage kann nur den Wert einer Skizze beanspruchen. Trotz der großen Maßstäbe ergab sich in manchen Punkten die Notwendigkeit der Generalisierung: so wurden etwa Anbauten, Schuppen u. ä. teilweise nicht mehr dargestellt. Auch hinsichtlich einiger Zuordnungen müssen gewissen Einschränkungen gemacht werden; so ist die Bestimmung derjenigen Wohnhäuser, die durch Umbau aus Scheunenteilen entstanden sind, nicht immer sicher festzustellen. Befragungen von Auskunftspersonen erwiesen sich fast durchgängig als zweifelhaft.
60) Vgl. Fig. 29-48; die Geländekartierungen wurden im Jahre 1964 durchgeführt.
61) Die Kartierung des Ortes Niederscheld wurde nicht vorgenommen, weil hier einmal aufgrund fehlender alter Pläne eine Abgrenzung der Ortsplanung des 18. Jahrhunderts nicht möglich war und weil dann andererseits – durch verschiedene äußere Einflüsse bedingt – nur noch minimale Reste des ursprünglichen Regulierungswerks vorhanden sind. Für den Ort Hörbach (vgl. Abb. 8) Wurde auf die Kartierung der Gebäudenutzung verzichtet und lediglich die wenigen erhaltenen alten Wohnhäuser markiert. Der Ort ist seit 1893 in zwei Bränden bis auf 8 Häuser völlig ver nichtet worden. Die Struktur der ursprünglichen Anlage, das geht aus der Abbildung deutlich hervor, ist auch nach der Wiederbebauung im wesentlichen erhalten geblieben. Allerdings hat man die feuchten Lagen auf der östlichen Bachseite gemieden und günstigere Baustellen in den rückwärtigen Gärten aufgesucht.
62) Die vom Brand verschonten Gebäude wurden bei der Zählung unberücksichtigt gelassen.

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