Der alteingesessene Adel unseres Raumes

Die Haigerer Mark erscheint um 1300 offenbar vom Reich her in der Hand der Pfalzgrafen bei Rhein, da sie an die Herren von Molsberg weiter verlehnten. Letzteres geschah wohl schon früh, bevor das Markgebiet in die drei Gerichte zerfiel. Die Herborner Mark ging als Lehen über die Landgrafen von Thüringen vermutlich um 1200 an die Grafen von Nassau. Pfalz- und Landgrafen waren einflußreich und standen in nahen Beziehungen zum Reich. So finden wir vor oder um 1200 schon verschiedene Dynastien in unserem Dillenburger Raum, unter ihnen auch die Grafen von Nassau mit Namen erwähnt.

Daneben treffen wir um und vor 1300 schon eine ganze Reihe bedeutender Adelsgeschlechter hier an. Manche Adelige erscheinen schon früher als Vögte in der Herborner Mark: so 1270 ein Heinrich v. Dernbach; 1287 ein Vogt Richer, vermutlich von Haiger; 1292-99 ein Ritter Konrad von Bicken; Rorich von Haiger, Vogt von 1306-1313; Ritter Heidenreich von Haiger, 1329 gewesener Vogt. Als Vögte waren sie Untergebene der Grafen von Nassau. Diese verpfändeten Ihnen, wohl in Geldverlegenheiten, Teile des Markgebietes. So werden sie auch zum Vogtamt jeweils gekommen sein, das sie vermutlich nicht zu ihren Ungunsten ausübten. Die Grafen von Nassau werden ihnen als ihren Gegenspielern dieses Amt gewiß nicht ohne Not überlassen haben. Im Weistum von 1313 werden die Vögte auch als Amtleute und Richter bezeichnet. Sie werden die niedere Gerichtsbarkeit ausgeübt und die Nassauer Grafen in der Verwaltung unterstützt haben. In Gerichtsurkunden wird zumeist der Vogt mit 6 Herborner Schöffen genannt. Ob die Adeligen vielleicht schon vor dem Auftreten der Nassauer die Vogtstellung besaßen, ob sie von Landgrafen oder gar früher vom König selbst mit Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit betraut worden waren, oder ob sie sich etwa die Vogtrechte gewaltsam angeeignet hatten, bleibt ungewiß. Man vermutet in den Adelsgeschlechtern Nachkommen der ersten und bevorrechteten Siedler, möglicherweise Nachkommen jener angesetzten Antrustionen. Jedenfalls werden es alte, bodenständige, freie Bauern gewesen sein, bis gegen 1400 noch die Hauptgrundherren. In früher Zeit besaßen sie nur befestigte Höfe, zum Schutz von Wassergräben umzogen. Später erbauten sie burgähnliche Gebäude in Tälern oder auf Höhen. Manche genaßen als Ritter oder Wepener erhöhtes Ansehen. Vielleicht gehörten auch die “

iudices von 1048 solchen Geschlechtern an.

Die bekanntesten und mächtigsten von den sehr zahlreichen Geschlechtern unseres Bezirkes waren die Adligen: von Dernbach und Bicken; von Haiger, Selbach und Helfenberg. Da wir diesen genannten noch entgegentreten werden, müssen wir uns hier in Kürze mit ihnen vertraut machen. Die von Dernbach, in der ältesten Zeit das stärkste Adelsgeschlecht, waren fast nur in der Herborner Mark angesessen, ihre Stammburg beim Dorf (Wüstung) Dernbach im Aartal, dort umfangreiche Güter und Gerechtsame; Hauptwaldungen (Hörre, Schelderwald, Eberhard, Schuppach), Jagden, Fischereien, Vogtei und Patronat Offenbach, Patronat zu Burg, Mühle zu Sinn, Güter zu Eiershausen, Manderbach und Niederscheld, große Zahl Leibeigener. Ihre Ganerben: v. Gießen, Hachenburg, Holzappel, Rode und Voitsberg. — Die Bickener, sehr stark, weit verzweigt, mehrere Linien: Die Edelherren v. Bicken, Haincher und Westerwälder. – Die Edelherren v. Bicken waren besonders in der Herborner Mark begütert. Stammsitz Bicken, besaßen Patronat zu Bicken, Güter zu Amdorf, Frohnhausen, Herbornseelbach, Haigerseelbach, besaßen früh das Gebiet um Tringenstein. Alte Siedlung Eisemroth (Isengorgerade!): ihre Gründung (Jutta, Gemahlin Anselms v. B. war Tochter des Burggrafen von Isenburg). 1352 Zinse und Gülten im Beilsteinischen; 1328 war Burg Wolkersdorf ihr Hauptsitz. — Haincher Linie, zweigt um 1200 ab; besonders im Gericht Ebersbach begütert, besaß früh dort die Gerichtsbarkeit, herrschte fast unabhängig, Burg und Patronat zu Bergebersbach, Zehnten zu: Wissenbach, Eibelshausen und Roth. Auch in der Grafschaft Wittgenstein noch ein Dutzend verschiedener Zehnten; ebenso im Hessischen und Solmsischen viele Güter und Gefälle; die meisten Besitzungen und Rechte im Siegerland; Hauptsitz Burg Hainchen, Güter und Rechte auf dem Westerwald, zu Driedorf, Rabenscheid und Donsbach.

Die Adligen von Haiger besaßen das dortige Gericht von Molsberg zum Afterlehen. Im 14. Jahrhundert Grundbesitz bei Allendorf, Haigerseelbach, Holzhausen, Sechshelden, Frohnhausen, Offdilln; auch noch anderwärts begütert. Die Herren von Selbach hatten das dortige Gericht von Molsberg zu Lehen. Große Ganerbengemeinschaft, weit verzweigt. Neben dem Hauptstamm bestehen die Zweigstämme: Burbach, Cruttorf, Dernbach, Gilsbach, Hohenselbach, Lohe, Neunkirchen, Quadfassel, Zeppenfeld. Stammsitz; Burg Hohenselbach. Zehnten von allen Gemeinden des Freien Grundes, fast in allen Orten desselben Burgsitze und Höfe. Schon 1300 Güterbesitz bezeugt; strebten immer nach Unabhängigkeit von Molsberg. Burg Hohenselbachskopf längere Zeit Raubritternest. — Adlige von Helfenberg: den Edelherren von Bicken nahestehend, verkauften ihnen ihre Burg Wolkersdorf. Sie waren von Nassau mit Vogtei Eibelshausen belehnt (1314), besaßen Vogtei Feudingen mit Gütern und Zehnten. — Außerdem gab es sehr zahlreiche kleinere Adelsgeschlechter im Dillenburger Bezirk. Schwerlich dürfte es ein Dorf gegeben haben, in dessen Gemarkung der Adel nicht begütert war. Diese kleineren Geschlechter treten für unsere Aufgabe zurück. Sie bilden nur mit den Hintergrund des Bildes.

Die gezeichneten Dynasten- und Adelsverhältnisse lassen uns die Mächte erkennen, die zeitlich vor und mit den Grafen von Nassau auf dem Plan erscheinen. Da unser Raum beim Auftreten der Nassauer von keinem stärkeren Dynastengeschlecht beherrscht, d. h. ausgefüllt vorgefunden wird, so gilt es für Nassau, im Dillenburgischen allmählich eine gewisse Ausgangsposition zum Start zu schaffen. Wir ahnen jedoch die Schwierigkeiten der bevorstehenden kämpferischen Auseinandersetzungen.

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