Die Adligen von Hunsbach

Etwas unterhalb von Frohnhausen, in unbedeutender Entfernung vom Dorfeingang, erblickt man gegenüber dem steilen Bergwall, der sich vom Heunstein zur Eschenburg hinzieht, ein saftiges Wiesentälchen, das Hunsbachtal, ein Seitentälchen der Dietzhölze. Es wird von dem forellenreichen Bächlein gleichen Namens durchflossen. Hier, an irgendeiner Stelle, die sich wohl kaum noch ermitteln lassen wird, war das Stammgut des ebenfalls nach ihm benannten Adelsgeschlechtes, von dem hier die Rede sein soll. Obwohl dieses Geschlecht verhältnismäßig früh ausstarb, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, lebt doch noch heute eine, wenn auch ganz dunkle, schleierhafte Erinnerung an die einstmaligen Bewohner dort bei der angestammten Bevölkerung Frohnhausens fort. Jahrhunderte hindurch hat sich diese Erinnerung von den Ahnen zu den Kindern und Enkeln in langer Kette weitererhalten, allmählich mehr sagenhafte Form annehmend und immer mehr verblassend.

Bereits 1340 wird uns zum ersten Male von den Adligen von Hunsbach berichtet. Wigand von Hunsbach und seine Gemahlin Else verkaufen den Zehnten von Frohnhausen und Manderbach an Friedrich Daube von Selbach und dessen Gemahlin Irmgard. Die Verkaufsurkunde ist für die beiden genannten Ortschaften von besonderer Bedeutung, da sie in diesem Schriftstück erstmals erwähnt werden. In der Urkunde wird ausdrücklich bemerkt, daß die Zehnteinkünfte mit allen zugehörigen Rechten auf die Käufer übergehen sollten, so, wie sie den Verkäufern von ihren Eltern überkommen seien. Die Einkünfte dürften, wie der Hof Hunsbach als Stammgut, von den Eltern überkommen (es ist zwar auch denkbar, aber durchaus unwahrscheinlich, daß der Zehnte von der Gemahlin Wigands, Else – von Selbach-Daube? – herrührt), vermutlich längere Zeit im Besitz der von Hunsbach gewesen sein.

Zwischendurch erwähnt sei an dieser Stelle noch, daß die Adligen von Hunsbach außer ihren Gütern und Gerechtsamen zu Frohnhausen, Dillenburg und Manderbach noch in der Herrschaft Runkel begütert waren und zu Diez ein Burglehen besaßen. Desgleichen waren sie (nach Arnoldi) von Nassau-Beilstein noch mit einem Gut im Beilsteinischen zu Ritzhausen belehnt. Hier sollen uns die Einkünfte und Rechte besonders insoweit interessieren, als sie sich auf unsere Dillenburger Gegend bezogen.

Dem genannten Geschlecht gingen also – wie erwähnt – bereits 1340 die Zehnten von Frohnhausen und Manderbach verloren. Der Verkauf wird durch die Beziehung beider in der Urkunde genannten Partner als Schwager zustande gekommen sein. Else, die elicge huysfrowe Wigands von Hunsbach scheint eine Schwester Friedrich Daubes von Selbach gewesen zu sein.

Eine Urkunde vom 3. Dezember 1412 verrät uns mancherlei über die Besitzverhältnisse, den Hunsbach´schen Hof zu Frohnhausen betreffend. Derselbe war schon längere Zeit nicht mehr im alleinigen Besitze der Hunsbacher. Walter von Wertdorf war Teilhaber. Die ihm zugehörige Hofhälfte war ihm von seinem Schwiegervater Gilbracht Schütz von Holzhausen zugefallen, der dieselbe seinerseits vertraglich von Henne von Mengerskirchen erworben hatte. Der Verkaufspreis betrug 200 gute Gulden. Mit dem Vertragsabschluß vom 3. Dezember 1412 versetzten Walter von Wertdorf und seine Gemahlin Else ihre Hofhälfte an Wigand von Hunsbach und dessen Gemahlin Jutta für ebenfalls 200 Gulden unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Henne von Mengerskirchen oder dessen Erben das Recht eingeräumt bleibe, den Hofteil acht Tage vor oder nach Petri Stuhlfest gegen 200 gute Gulden wieder einzulösen. Der darauf bezügliche Teil der Abmachungen soll hier Raum finden. (Die Verträge dieser Zeit sind vielfach in großer Umständlichkeit gehalten. Wir beschränken uns daher auf die ausgehaltene Bedingung und die Zusicherung Walters v. W., den Vertrag jederzeit zu achten): … und han ich Walther und ich Else vorgenant vur uns un unse erben dazselbe doil unsers Hoffes un den Brieff der dar über stad Wigande und Jüthen vorgenant und iren erben virsast vür die vorgenanten tzwei hündert gülden sich des zu gebrüchen mit alme deme rechten als dan myn Elsen vorgenanten fadir und müder delgen off mich bracht hant mit solchem underscheide, welches jares Henne von Mengerßkirchen vorgenant adir sin erben queme echtage vür Kathedra Petri adir vür echtagen dar nach und brechten Wigande, Jothen adir iren erben die vürgeschrieben tzwei hündert gülden, die sulten sie nemen und in solich doyl des hobes wieder geben. Ich Walther und ich Else vorgenant reden und globen in güden truwen an eits stait vür uns alle unser erben und nakommen die vorgenanten Wigande, Jüthen und ir erben an sulchem Deyle des Hoffes und brieffes nimmer zu hindern oder zu drengen mit würten odir mit werken ader nymant von unser wegen in kein eynliche wijs, an alle geverde…. (Man beachte auch die gewählte Ausdrucksweise, die jede Umgehung der Abmachungen ausschließen soll. Die letzte Wendung ist fast stereotyp). Somit war der ganze Hof vorerst wenigstens wieder in verfügbarem Besitz der Hunsbacher, allerdings die eine Hälfte nicht bedingungslos.

Aber dieser Zustand war nicht von langer Dauer. Eine weitere Urkunde vom 11. Nov. 1425 bereits bezeugt uns den Verkauf des halben Hunsbacher Hofes an die Nassauer Grafen Johann, Engelbrecht und Johann (Zwei Brüder gleichen Namens). Offenbar hatte also das Adelsgeschlecht von Mengerskirchen inzwischen von seinem Recht der Wiedereinlösung des 1412 versetzten Hofteiles Gebrauch gemacht. Jedenfalls berichtet uns diese Urkunde, daß Johann von Mengerskirchen, genannt „vom Hane“, 1425 die ihm gehörige Hälfte des Hofes zusammen mit dem Hofe „zu dem Holnsteyne, genant die Gecksburgh“, im Beilsteinischen veräußert an die genannten Grafen. Für diese beiden Höfe und seine gesamten Einkünfte in der nassauischen Grafschaft ist ihm der Betrag von 400 „gute, schwere Rheinische Gulden“ bezahlt worden, vorbehaltlich, daß die beiden Höfe durch evtl. noch kommende Leibeserben der von Mengerskirchen wieder eingelöst werden könnten. Es handelt sich also in gewissem Sinne um einen Verkauf mit etwas testamentarischem Charakter. Der Vorbehalt ist wegen seiner Formulierung und Sprache interessant und mag deshalb hier wörtlich stehen: …Doch mit alsolchem unterscheide off sache, wen daz ich Johan von Mengerßkirchen egenant etliche lijffs erven krige adir gewenne, so sulde myn gulde, rente, tzinße, erve und gut, wy und wo in der egenanten grafschaff gelegen ist, weder myn und myn lieffs erven ledigh und loß sin ahne alle geverde ußgescheiden den halben hoff zu Hunßbach und den hoff zum Holnsteyne: die hove als dan myen lieffs erven loßin mogin vor vierhondert gute swair rinsche gulden. Und wilchtzijt myne erven egenant dy hove vorgenant alzo loßin wuldin, so sollen die egenanten myen gnedigh jonchen und ir erven en (ihnen) dy hove ane wederrede zu loßin geben an geverde. Auch ist geredet off sache, wen daz ich Johan vorgenant von dodes wegen aff ginge, ee (ehe) Patze myn Husfrawe, so solden myne gnedigh Jonchen vorgenant und ir erven Patzin myn Husfrawen sich laissin gebruchin solcher rede und tzinße ir lebetage und wanne sy dann auch von dodes wegen aff gegangen wer, so sal alz dann die egenanten hove mit yrme zubehorde und all myn gut in der Grafschaff Nassowe wy vor stat der egant man gnedigh jonchen und yrre erven eygin sin zu ewigen dagin an alle geverde und argelist ... Dieser Teil des Hunsbacher Hofes scheint in ewigen Besitz der Nassauer Grafen übergegangen zu sein. Aus den Angaben Arnoldis steht auch zu vermuten, daß Johann von Mengerskirchen und seine Gemahlin Patze von Muden nicht von Liffserven (Leibeserben) überlebt worden sind.

Nun die andere Hofhälfte: Mit Friedrich von Hunsbach, der um 1476 starb und der letzte des Geschlechtes zu sein scheint – sein Bruder Wiegang, Conventual zu Gronau, kam als Erbe nicht in Frage – gingen die Hunsbach’schen Güter mindestens teilweise an die Sprikasten über. Die Schwester beider zuletzt genannten, Lye, war an Johann Sprikasten von Waldmannshausen verheiratet und hinterließ mindestens 5 Kinder. Die Sprikasten (um das Jahr 1476 in den Besitz der Hunsbach’schen Güter gekommen) tauschten schon in den nächsten Jahren dieselben – und damit, wie mit gewisser Sicherheit geschlossen werden kann, auch die angeerbte Hälfte des Frohnhäuser Stammgutes – gegen einen Hof in der Marbach zu Dillenburg bei den Grafen von Nassau ein, so daß dieselben nunmehr im Besitze des ganzen Hofes der von Hunsbach zu Frohnhausen waren (den Hof in der Marbach trugen die Sprikasten seit 1494 von den nassauischen Grafen zu Lehen).

Schließlich ist nun noch ein Schriftstück mit Datum vom 28. August 1494 zu erwähnen. Melchior Brune von Schönbach verkauft – wie darauf zu ersehen ist – drei Mesten Korn und eine Sefter Oel jährlicher Rente und Gulde aus dem Gut zu Hunsbach an seinen Bruder Balthasar Brune, Schönbach, für acht Gulden schlechter Währung, den Gulden zu 24 Albus gerechnet. Diese Urkunde würde als eine Bestätigung anzusehen sein, daß der Hof um die Wende des 15. Jahrhunderts ausgegangen war. Ebenso wäre die verzinsliche Anlage des Anwesens von Interesse. Doch bleibt der Eigenart der Umstände halber dahingestellt, ob sich dieses Schriftstück auf das Gut Hunsbach bei Frohnhausen bezieht und ob nicht die Dorsalnotiz von etwas späterer Hand Veranlassung zu einem Irrtum gegeben hat.

Wenn von den zahlreichen in unserer nassauischen Heimat, ganz besonders im Dillenburgischen, ansässigen Geschlechtern des Landadels – fand sich doch kaum ein Dorf ohne Adelsgüter oder -gerechtsame – ein gewisser Teil sich durch mehrfache Verzweigung und allgemeine Verbreitung besonderes Ansehen und umfangreichen Güterbesitz auszeichnete, so muß von den Adligen von Hunsbach gesagt werden, daß sie in diesem Zeitraum (2. Hälfte des 14. und 15. Jahrhunderts) gewiß nicht zu den stärksten und einflußreichsten Familien gehörten. Aus der Tatsache aber, daß sie mit verschiedenen großen Adelsgeschlechtern verwandt und verschwägert waren, geht allein schon hervor, daß sie ebenfalls Ansehen besaßen. Aus den vorstehenden Ausführungen geht weiter hervor, daß bei ihrem erstmaligen, urkundenmäßig erwähnten Auftreten, 1340, sozusagen ihr Stern schon am Sinken war. Einkünfte und Teile ihres Besitzes bröckelten immer mehr ab. Der Versuch, die Stammgüter wieder in Hunsbach’scher Hand zu vereinigen, schlug fehl. Der Höhepunkt in der Geschichte dieses Geschlechtes scheint einer Zeit anzugehören, aus der allgemein nur recht kärgliche Nachrichten vorliegen, in der ein großer Teil unserer heimatlichen Adelsfamilien noch lange der Ersterwähnung harrte, in der das Dunkel durch kein Licht mehr in dieser Hinsicht zu erhellen sein wird.

Es dürfte als gesicherte Tatsache anzusehen sein, daß das Hunsbacher Geschlecht in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ausstarb. Nach dem Erlöschen ging auch der noch vorhandene Besitz, wie wir gesehen haben, raschestens über die Sprikasten zum größten Teil in gänzlich fremde Hände über. Der Untergang lag also in einer Zeit, in der der Adel allgemein unter Kaiser Maximilian, dem letzten Ritter, nochmals einen Höhepunkt erlebte. Es war bekanntlich mehr eine Nachblüte; denn die Auswirkung der Erfindung des Schießpulvers, wie auch die 1495 auf dem Reichstag zu Worms festgelegten Bestimmungen des ewigen Landfriedens bereiteten dem im unglücklichen Fehdewesen aufgehenden, bereits versinkenden Rittertum ein langsames ruhmloses Ende. In Nassau legte die mehr und mehr erstarkende Macht des Grafengeschlechtes der Fehdefreudigkeit des Adels, die auch hier nicht fehlte (erinnert sei nur an die Adligen von Haiger (1357), die Dernbacher Fehde und das Geschlecht von Selbach) immer engere Fesseln an. Die nassauischen Grafen traten dem emporstrebenden, eingesessenen Adel zielbewußt in doppelter Weise entgegen: in der entschiedenen Kampfaufnahme und Wachsamkeit, daß kein Geschlecht zu sehr erstarke (man denke wieder an die Dernbacher Fehde, ferner an Philipp den Älteren von Bicken). Andererseits ließen sie keine Gelegenheit aus, um ihre eigenen Position zu stärken. Wir sehen somit in ihnen ein Dynastengeschlecht, das sich durchzusetzen verstand, und bei – den Untertanen gegenüber – wohlwollender Erweisung, in zielbewußtem, hartnäckigem Kampfe gegen den Adel unter gewiß nicht einfachen Verhältnissen seine Souveränität errang. Der Stärkung der eigenen Machtstellung diente auch der Ankauf der Adelsgüter, wovon wir hier bei den Hunsbach nur eines der zahlreichen Beispiele haben. Jede eigene Besitzvermehrung, besonders wenn der Adel dadurch im Gesamten als Gegenspieler gesehen, verlor, bedeutete für die Grafen eine Hebung des Ansehens und eine Stärkung ihrer Macht. Von diesem Gesichtspunkt aus sind die Güterankäufe der nassauischen Grafen in erster Linie anzusehen und zu beurteilen.

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