Die Herkunft des Nassauer Grafengeschlechts

Wo stand seine Wiege, und auf welchem Wege kamen diese Grafen zu uns? Die Ansichten über diese Frage haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte grundlegend geändert. Vor Bekanntwerden der Forschungen Wagners, Mays und anderer, sah man es wohl als gesicherte Tatsache an, daß die Wiege der Nassauer Grafen an der unteren Lahn stand, daß die Laurenburg ihre Stammburg sei und daß die direkten Vorfahren der Laurenburger Grafen die Vogtei Lipporn im Einrichgau, unweit Weisel, in Besitz hatten.Vogel stellte einen Stammbaum auf, der im Ganzen den Anschein der Lückenlosigkeit erweckte und von etwa 900 an abwärts führte. Die späteren Forscher übernahmen denselben. Mehrere, dem Nassauer Grafenhaus treuestens ergebene Genealogen vor Vogel haben seine Herkunft sogar von dem alten Kaisergeschlecht der Salier abgeleitet und eine Ahnenreihe gefunden, bis etwa um das Jahr 500 zurückreichend. Andere deckten sagenhafte Beziehungen mit altrömischen Patrizierfamilien auf. So konnten die Nassauer Grafen stolz auf einen Stammbaum blicken, wie ihn nur sehr wenige deutsche Fürstengeschlechter aufzuweisen hatten. Wie ist nun die Wirklichkeit? Die ältesten, sicheren urkundlichen Zeugnisse an der unteren Lahn reichen zurück bis etwa um 1100. Von dieser Zeit an läßt sich lückenlose Geschlechtsfolge nachweisen. Um diese Zeit (1100) treten die Nassauer als Laurenburger Grafen auf, nach ihrer gleichnamigen Lahnburg genannt. Für den früheren Teil der Stammfolge – die Reihe der Tutos und Trudwins – sucht Wagner, dessen Fragwürdigkeit und Unhaltbarkeit nachzuweisen. Die seitherigen, nun in Frage gestellten Forschungsergebnisse stützten sich zu einem wesentlichen Teil auf die „Bleidenstadter Traditionen“, die im Zusammenhang mit dem ungeheuerlichen Fälschungsskandal der sogen. „Rheingauer Altertümer“ des Prof. Bodmann stehen. Letzthin gesichert bleibt nur das, was über unsere Grafen aus den wenigen Laurenburger und Schönauer Urkunden entnommen werden kann: Die ältesten, einwandfrei bezeugten Laurenburg-Nassauer Grafen sind die Brüder Rupert und Arnold, Erbauer der Burg Nassau und Besitzer der Vogtei Lipporn. Wegen Erbauung der Burg Nassau auf angeblich Wormser Boden geben sie Anlaß zur Klage bei Kaiser Lothar (1125-1137), dem Papste Eugen III. (1145-1153) und dessen Nachfolger Anastasius III. (Rupert v. Nassau wird in diesem Zusammenhang mit dem Bann belegt). Die Mutter der beiden Grafen ist die 4. Tochter des Grafen Ludwig III. von Arnstein. Wagner liest aus dem Wortlaut der Urkunden heraus, daß die nach Lipporn im Einrichgau zurückgehenden Vorfahren einer Seitenlinie angehören. Urkundliche Stützen für die Reihe der 4 Trudwins und 4 Tutos (nach Vogel) finden sich auch für diese Seitenlinie nicht. Die Nassauer Stammlinie jedoch verliert sich. Sie ist an der unteren Lahn von 1120 nicht mehr eindeutig sicher bezeugt. Allerdings, wenn das Nassauer Geschlecht nun im Dunkel versinkt, so ist der Schluß zunächst ebenso wenig gesichert, daß etwa der Vater der beiden Grafen Rupert und Arnold von außerhalb hereingekommen sei. Das kann jedoch Vermutung, aber nur solche, vielleicht mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgrad sein.

Interessant ist nun, daß den – mit scherzhafter Übertreibung gesagt – an der unteren Lahn ausgebooteten Grafen anderwärts eine frühe Heimstätte, ein Asyl gewiesen wird. Dieses Gebiet ursprünglicher Herkunft soll der Köln-Siegener Raum sein. Fest steht, daß die Nassauer hier ebenfalls schon früh urkundlich bezeugt sind. Wenn Graf Heinrich (d. R.) v. Nassau 1224 dem Erzbischof Engelbert von Köln die Hälfte der Stadt Siegen einräumt, so setzt dies voraus, daß Nassau hier bereits schon vorher Eigentumsrechte hatte. Ferner: drei Siegener Münzen, die nach ihrer Prägung dem 12. Jahrhundert angehören sollen, zeigen – wenn die Feststellungen einwandfrei richtig sind – die Nassauer Grafen in diesem Raum bereits schon als Münzherren. Schon im 13. Jahrhundert sind die Grafen im Besitz des erzbischöflich- kölnischen Marschall- und Schenkamtes. Sie besitzen die verschiedensten kölnischen Lehen. Für 1159 (Belehnung mit der Burg Nassau) wird eine Mitzeugenschaft der Grafen von Sayn, die Vögte des Kölner Erzstiftes waren, angeführt. Auch reicher Güterbesitz im Siegener, Wittgensteiner und Hessischen Großraum ist früh erwiesen. Nassau besaß 1259 Höfe in der Herrschaft Freusburg, 1343 Güter zu Erndtebrück, vor 1314 die Vogtei Feudingen mit Patronatsrechten und Zehnten, die Vogtei über die Breidenbacher Kirche, alle Zehnten im Breidenbacher Grund, den Patronat zu Gladenbach (1150), das Gericht zu Eisenhausen. Ein Mannbuch um 1300 führt die Grafen von Wittgenstein als nassauische Vasallen auf (bestätigt 1392). Auch bezüglich eines Gerichtes bei Treysa-Ziegenhain war der Graf von Wittgenstein nassauischer Vasalle. Noch viele Zehnte, Kirchensätze und Gerechtsame im Hessischen mögen in dieser Zeit in den Händen der Nassauer gewesen sein, so die späteren bickenischen Zehnten von Dorndorf (bei Saßmannshausen), von Großenbach, Niederlaasphe, Puderbach, Saßmannshausen, Volkholz und Holzhausen, Fischelbach, Hesselbach, Ditzrod.

So einleuchtend, begründet Bald seine Behauptung: „Mit dem Einsetzen einer geschlossenen urkundlichen Überlieferung über das Siegerland in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts erweisen sich die Grafen von Nassau als die Landesherren unseres Gebietes“ (Siegerland). Sie werden nur in Siegen selbst rechtlich eingeschränkt. Sie erweisen sich im Einzelnen im Besitz des Münzregales (Münzfunde!), der Gerichtsbarkeit (von Adelsgeschlechtern oder fremden Dynasten, die einen Gerichtsbezirk besaßen oder Gerichtseinkünfte bezogen, ist nichts zu erfahren – Ausnahmen Siegen und Wilnsdorf). Sie hatten Einkünfte der Landesherren (Bede, Vogteiabgaben). Nach Bald hat sich die Landeshoheit dort vor allem auf alten Grafenrechten, daneben vogteilichen und zum kleineren Teil auf grundherrlichen Rechten aufgebaut. Die Herkunft dieser Rechte vermag er nicht stichhaltig zu beweisen.

Somit dürfte der Besitz der Nassauer Grafen im Siegerland im 12. Jahrhundert gefestigter und evtl. älter gewesen sein, als der an der unteren Lahn. Das führt zu dem Schluß, daß diese Grafen aus dem Siegerland ihre Stammherkunft möglicherweise herleiten könnten. Das hat allerdings eine grundlegende Änderung der Anschauungen mit sich gebracht. So fragt man heute nicht mehr: Wie kommen die Grafen von Nassau von der unteren Lahn in den Dillenburger Raum? sondern: Was führt die Grafen aus ihrem evtl. Stammgebiet, dem Siegen-Kölner Bezirk an die untere Lahn? Um den vermutlichen Anlaß braucht man auch hier nicht verlegen zu sein: Der Vater der beiden Gebrüder Rupert und Arnold vermählte sich mit der uns schon bekannten Arnsteinerin, der Tochter des Grafen Ludwig III.

Wenn man bezüglich der Schlüsse auch Zurückhaltung übt, so steht doch fest, daß die Grafen von Nassau zwei alte Territorien besaßen: das Gebiet der unteren Lahn und das vermutlich abgerundetere und gefestigtere Gebiet des Siegener und diesem angrenzenden Raumes, beide zunächst wenig miteinander verbunden. Renkhoff u. a. weisen darauf hin, daß die Gebietsteilung von 1255 (Walram und Otto) von dieser Perspektive aus verständlicher wird. Stand dem jüngeren Otto die Wahl frei, so ist sein Griff nach der gefestigteren nördlichen Hälfte durchaus zu verstehen.

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