Ersterwähnung

Das Jahr 2040 bedeutete für unserer Dörfer Frohnhausen und Manderbach ein Jubiläumsjahr. Ist es auch nicht das Geschehnis selbst, das uns in erster Linie das Jahr 1340 wichtig erscheinen läßt, so bringt doch die in Frage stehende Vertragsurkunde für beide Dörfer sehr vermutlich die Ersterwähnung. In ruhigen Friedenszeiten war die mehrhundertjährige Wiederkehr eines lokalgeschichtlich so bedeutsamen Tages, wie ihn der 4. Juli 1940 für Frohnhausen und Manderbach darstellte, für größere Ortschaften nicht selten ein Anlaß zu feierlicher Begehung. Damals verboten jedoch schon die Zeitverhältnisse solche Feiern und Feste. Dieses Jubiläum verging aber nicht, ohne daß dieses Ereignisses wenigstens in der Heimatzeitung gebührend gedacht wurde.

Es ist gewiß heute noch schwer zu behaupten, daß ein ganz bestimmtes Datum – im vorliegenden Falle der 4. Juli 1340 für beide genannten Ortschaften – das erstmalige urkundenmäßige Vorkommen eines Ortsnamens bringe. Noch in der Gegenwart dürfte das Urkundenmaterial des Wiesbadener Staatsarchivs so gesichtet sein, daß nicht noch unbekannte, mehr nebensächliche Erwähnungen eines Ortes vielleicht an Stellen vorkommen könnten, wo sie nicht zu vermuten sind. Außerdem ist es, wenn auch vielleicht unwahrscheinlich, so doch bestimmt nicht unmöglich, daß andererorts (beispielsweise im Staatsarchiv Koblenz, evtl. zu denken an Bickener Urkunden!) noch irgendwelche in Frage kommenden Schriftstücke vorhanden sein könnten. Jedenfalls weiß uns selbst der Altmeister nassauischer Geschichtsforschung, C. D. Vogel, keine frühere Nennung beider Ortsnamen, Frohnhausen und Manderbach zu berichten, obwohl gerade ihm eine Durch- und Übersicht des damals vorhandenen Urkundenmaterials leichter möglich war, als es etwa uns heute ist. Erschöpfende Durchsicht der in Wiesbaden befindlichen, evtl. einschlägigen Archivalien ist für denjenigen, der nicht seinen ständigen Wohnsitz in der Umgebung Wiesbadens hat, mit fast unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. So wird denn diese Urkunde vom 4. Juli 1340 – vermutlich endgültig, da mit dem Vorhandensein einer älteren nicht zu rechnen ist – als das Originalstück zu werten sein, das das zeitliche Dunkel über die beiden Nachbarortschaften erstmalig lichtet (die etwas früher, um das Jahr 1300 auftretenden Vögte von Frohnhausen (s. auch Arnoldi, Gesch. d. oran. nass. Länder) und verschiedene andere Vorkommen des Ortsnamens Frohnhausen, vor 1340 betreffen das Dorf Frohnhausen/Lahn, zwischen Marburg und Gießen. Von dieser Zeit an tritt wenigstens Frohnhausen nach und nach, eigentlich verhältnismäßig rasch, in das helle Licht der Geschichte. Es wird bereits in den folgenden Jahrzehnten bei verschiedenen Anlässen erwähnt.

Daß aus dem Inhalt dieses Schriftstückes kaum ein Schluß zu ziehen ist über die Zeit des Bestehens der Dörfer, bzw. gar über die Gründung derselben, ist durchaus verständlich. Ganz gewiß hatten beide Ortschaften, zum Amt Haiger und zur Mutterkirche daselbst gehörig, 1340 schon eine jahrhundertelange Vergangenheit. Über die Gründungszeit unserer Dörfer lassen sich nur Vermutungen mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit anstellen. Es ist hier nicht am Platze, darauf einzugehen.

Das erstmalige Vorkommen der beiden Ortsnamen ist also inhaltlichsachlich an die beiden Adelsgeschlechter von Hunsbach und von Selbach durch den Vertrag geknüpft. Gerade mit Frohnhausen stehen eine ganze Reihe Geschlechter des Nassauischen Adels bezgl. Besitz und Gerechtsame in Beziehung. Sie hatten Güter und Rechte hier, wie vielleicht in keinem Orte bzw. keiner Gemarkung der Umgegend. Es ist nicht ausgeschlossen, daß zwischen Grundadel und dem speziellen Ortsnamen ein näherer Zusammenhang besteht.

Hier in Kürze einiges über die Adligen von Selbach (über die von Hunsbach wurde bereits ausführlich berichtet), an deren einen Zweig der Zehnte durch den 1340 geschlossenen Vertrag übergeht. Die zahlreichen, in den verschiedensten Teilen Nassaus liegenden Ortschaften des Namens, vor allem auch Haiger- und Herbornseelbach sind mit diesem Geschlecht in Verbindung zu bringen. Daraus geht schon die Begüterung, Ausdehnung und Verzweigung desselben hervor. Mit seinen zahlreichen Einzellinien gehörte es unstreitig zu den stärksten und verbreitetsten nassauischen Adelsgeschlechtern. Stammsitz war wohl Altenselbach, im Grunde Sel- und Burbach. Obwohl auch vor allem im Siegenischen und Runkelischen begütert, lagen deshalb die meisten Besitzungen im Grunde Selbach und dessen Umgebung. Nach Arnoldi hatten diese Adligen „in den ältesten Zeiten“ das Gericht oder die Gerichtsbarkeit in dem nach ihnen benannten Grunde von der Herrschaft Molsberg, später von Nassau-Saarbrücken zu Lehen. Eine mächtige Ganerbschaft (Zusammenschluß von Adelsfamilien zu gemeinsamer Wahrnehmung ihrer Interessen), darunter die von Bicken, Dernbach und Holzappel begründete insbesondere ihr Ansehen. Um die Zeit, in der unsere Urkunde datiert, war das Geschlecht in 4 Stämme gespalten. Unweit Altenselbach erbauten sie 1350 auf einem Berge, den sie von dem Grafen zu Sayn zu Lehen hatten, die Burg Hohenselbach. Einzelzweige waren die von Selbach-Burbach, -Dernbach, -Crutdorf, -Gilsbach, -Lohe, -Neunkirchen, -Hohenselbach, – Zeppenfeld, -Lange, -Quadfassel (über die in der Urkunde genannten Personen wird unten noch einiges gesagt werden).

Die Schrift des 14. Jahrhunderts ist demjenigen, der solche Schriftstücke zu lesen nicht gewohnt ist, fremd. Daher folgend die wörtliche Wiedergabe des Urkundeninhalts:

Ich, Wigant von Hunsbach und Else min elicge huysfrowe dun kont alle den, die dissen brif sehent adir horent lesen, daz wir mit samender hant und willen alle unser erben hon verkoyft und verkoyfen reit und redelicge, unsen zehenden zu Fronhusen und zu Mandelbach mit allen dem reite, daz dazu gehoret und unse alderen uf uns brait hont, Fredericge Doyben von Selbach und Yrmingarde siner elicgen frowen und iren erben ewelicge zu besizene ain allerleige hindersal umme nunzehen Marg pennige, dri haller vor iden pennich gezalt adir anderwerunge als zu Herberen genge und geybe ist. Och geloben wir den vorgenanten Fredericge und Yrmingarte, siner frowen, und yren erben, daz wir adir unse erben die vorgenanten adir ir erben sullen furen und brengen vor unse herren, von den wir die zehende zu lehene hon, und sullen helffen, daz die herren in die lehen ligen zu alle dem reithe, als unse alderen und wir die gehait hont binnen zehen jahren, die nu aller nest komment, ain argelist. Hij bi ist gewest die ersamen lude here Alef kaypelain zu Dillenburg, her Eberhart Doybe von Selbach, ritter Dyderich von Acgenbach und anders viel guder lude. Und want wir kein eigen ingesigel hon, so hon wir gebeden die ersamen lude, herren Gerharten den kaypelain zu Sygen und Gobelin von der Hese, daz si dissen brif hont besigelet dorg unser bede willen zu urkunde alle diesser vorgescribener stucge.

Datum anno domini milesimo quadragesimo feria tercia post festum Petri et Pauli beatorum apostolorum.

Ersterwähnung 4. Juli 1340

In der Urkunde selbst ist: über dem u meist ein (mundartlich bedingtes) o, einige Male ein e, das den Umlaut andeutet, z. B. in „nunzehen“ (=nünzehen, neunzehn), der Guttural als cg geschrieben.

Aus der vorstehenden Wiedergabe wird schon manches herauszulesen sein. Hier noch einige Umschreibungen und Erläuterungen, mehr inhaltlicher Art, zum genaueren Verständnis:

Wiegand von Hunsbach und seine Gemahlin bekunden denen, die den Inhalt des Vertrages lesend oder vorgelesen vernehmen, den gemeinsamen Verkauf der ererbten Einkünfte aus dem Zehnten von Frohnhausen und Manderbach („Mandelbach“) mit allen zugehörigen Rechten, wie sie ihnen von elterlicher Seite überkommen sind, rechtmäßig und rechtsgültig an den Adligen Friedrich Daube von Selbach und seine Ehefrau Irmgart zu einem für sie und ihre Erben freien und verfügbaren, ewigen Besitztum. „Ain allerleige hindersal“, d. h. (verfügbar:) ohne daß sie, die Erwerber daran gehindert werden können (i in „ain“ = Dehnungs-J; ain, sprich ahn!). – Kaufsumme 19 Mark, den Pfennig zu 3 Hellern gerechnet, oder in einer Währung, wie sie sonst in Herborn üblich ist“. – Die Verkäufer der Zehnteinkünfte geloben den Käufern weiterhin, ihren Lehnsherren von den vertraglichen Abmachungen Kenntnis zu geben und dieselben zu veranlassen, nach demnächstigem Ablauf des letzten Zehntzeitraumes von zehn Jahren die Zehntlehen von Frohnhausen und Manderbach fortan ihren eigenen seitherigen Bedingungen und Rechten auf die Vertragspartner übergehen zu lassen („ligen“, mundartlich lih’n = leihen). – Der Vertrag solle abgeschlossen sein „ain argelist“, d. h. ohne Arglist, ohne irgendwelche schlechten Nebenabsichten des Schwindels, Betrugs oder sonstiger Gaunerei. – Als Zeugen des rechtmäßigen Zustandekommens des Verkaufs und der urkundenmäßigen Festlegung werden mit ihren Namen angegeben: Kaplan Alef zu Dillenburg, Eberhard Daube von Selbach, und der Ritter (Ritter im Gegensatz zu Wepeling) Dietrich von Achenbach, außerdem noch anwesend „anders viel guder lude“, eine Anzahl anderer ehrenwerter Leute zur zeugenmäßigen mündlichen Bekräftigung, bei der immerhin noch als mangelhaft empfundenen schriftlichen Festlegung noch „Ehrenmänner“, die ihrerseits für das Recht stehen konnten, so daß die Möglichkeit einer späteren Begaunerung, bzw. eines Abstreitens gewisser Abmachungen von vornherein verhindert werde (man sieht im Ganzen, wie entschieden man schon damals bei derartigen Verträgen durch Heranziehung zahlreicher Zeugen und durch in der Ausdrucksweise schärfste Formulierung vorher nicht zu ahnende Umgehungs- oder Betrugsabsichten unmöglich zu machen suchte).- Die Besiegelung der Urkunde erfolgte durch die Insiegel zweier adliger Freunde oder Bekannte, da kein eigenes Siegel vorhanden war.

Die vertragschließenden Personen und Zeugen sind großenteils – vielleicht alle – aus einander nahestehenden Familien, insbesondere dem Zweig Selbach-Daube (Lohe) zugehörig (der Name Daube hängt interessanterweise mit dem Eigenschaftswort „taub“ zusammen. Verschiedentlich finden wir hinter dem Namen Daube noch „Surdi“, „Surdus“ angegeben). Wiegand von Hunsbach war nach Arnoldi ein Schwager Eberhard Daubes von Selbach und dieser wiederum nach Philippi (Siegener Urkundenbuch) ein Bruder des in der Urkunde genannten Käufers Friedrich Daube (in einer Urkunde von 1343 als „Wepeling“, in einer solchen von 1355 als „Ritter“ bezeichnet) und des als Zeugen angegebenen Alef. Schon die Bezeichnung „her“ (Herr) deutet auf des letzteren Herkunft aus adliger Familie hin. Der Übergang des Zehnten dürfte also vielleicht durch die Verwandtschaftsbeziehungen der beiden Vertragschließenden zustande gekommen sein.

Die Urkunde (Original: Pergament) zeigt noch heute das Siegel des Gobelin von der Hese, ziemlich gut erhalten, anhängend, das Siegel des Kaplans Gerhard ist ausgerissen und fehlt.

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