Bauerntum

Bauerntum und bäuerliche Verhältnisse unserer Heimat im Zeitenwandel

Unsere Aufgabe führt uns zurück durch einen langen Zeitraum von über tausend Jahren. Bis in das 19. Jahrhundert hinein hat die Landwirtschaft dem heimischen Leben ihren Stempel aufgedrückt. Es gilt also, einen beträchtlichen Zeitabschnitt zu überschauen. Die Lebensverhältnisse der Frühzeit sind uns ferngerückt und fremd. Form und Gestalt des Lebens waren zu Beginn unseres Zeitraumes anders als zum Ausgang. In wechselnder Entwicklung reihte sich Jahrhundert an Jahrhundert. Es ist daher eine zeitliche Aufteilung, eine Dreiteilung erforderlich:

a) die Frühzeit, bis zum ungefähren Eintritt unserer Ortschaften in die Geschichte, für Frohnhausen etwa das 14. Jahrhundert.

b) Unsere Ortschaften bis zum Ausgang des Dreißig-jährigen Krieges.

c) Der Fortgang, etwa bis zur Franzosenzeit, dem Niedergang Preußens, kurz nach 1800.

Viele Jahrhunderte hindurch fließen die benutzbaren schriftlichen Quellen außerordentlich spärlich, um schließlich einen so breiten Raum einzunehmen, daß das vorhandene Material sehr der Sichtung bedarf. Bei der Fülle des Stoffes wollen wir uns daher durchaus an den Gedankenkreis: Viehzucht, Landbau, bäuerliche Verhältnisse im vorbezeichneten Rahmen halten.

a) Aus der unmittelbaren Vorzeit unserer Dörfer

Solange unsere Heimat überhaupt besiedelt ist, lebte die seßhafte Bevölkerung von dem früher überaus geringen Ertrag des Bodens und der Viehzucht. Immer müssen wir uns den äußerst primitiven Stand des Anbaus, die Geringfügigkeit des pflanzlichen Saatgutes, die sehr mangelhafte Bodenbearbeitung und Viehzucht gegenwärtig halten. Der Nahrungserwerb nahm den ganzen Menschen, sein noch naturgesundes Denken und Streben völlig und ungeteilt in Anspruch.

Versuchen wir zuerst, über Zeit, Umfang und Geschlossenheit der Besiedlung unserer Gegend zu klaren Vorstellungen zu kommen. Dies ist zur Abrundung unseres gesamten landbaulichen Bildes der Frühzeit notwendig. Nachdem es einige Jahrhunderte vor und um Christi Geburt hierzulande reger gewesen sein muß, scheint es in den nun folgenden Jahrhunderten stiller und einsamer geworden zu sein. Für die nächsten Jahrhunderte handelt es sich noch weitgehendst um Einsiedler. Durch die später folgende straffere gebietliche Zusammenfassung des Landes wurden bald größere Siedlungsräume abgegrenzt. Man mag dies als „Landnahme“ oder „Markensetzung“ bezeichnen. Jedenfalls bildeten sich in den nun folgenden Jahrhunderten der merowingischen und fränkischen Zeit (500 – 800 n. Chr.) geschlossene, abgegrenzte Räume, „Marken“ heraus. Für unser Gebiet machte die Nachbarschaft der feindlichen Sachsen die Bildung einer geschlossenen und gesicherten Grenzmark besonders nötig. Um und nach 800 erfahren wir auch die Namen der Gaue und Marken unseres Großraumes. Es ist nun auch die Zeit der Königsgüter Haiger, Herborn und Siegen. Die straffere Besiedlung erfolgte durch den fränkischen „Fiskus“. Männer, die vom König oder fränkischen Staat in ein umrissenes Siedlungsgebiet angesetzt wurden, richteten sich hier frei ein, machten sich als bevorrechtet breit, ließen sich von den anderen Bauern Abgaben zahlen und verpflichteten sie zu Diensten. Die frühere Ansicht, der König habe das neu eingeteilte und planmäßig besiedelte Land zu seinem persönlichen Eigentum und die vorgefundenen Siedler und Bauern zu Leibeigenen gemacht, dürfte durchaus irrig sein. Von den wenigen sehr alten Urkunden unseres engeren Heimatgebietes gibt bekanntlich diejenige des Jahres 1048 eine Grenzbeschreibung der Haigermark. Karl Löber hat wohl erstmalig überzeugend darauf hingewiesen, daß wir in dem „Land der freien Männer“ (dem „predium liberorum virorum“) die ganze Haigermark zu erblicken haben. Mit dieser Bezeichnung ist wohl gesagt, daß unser Raum in dieser Zeit noch eine verhältnismäßig große Zahl freier Bauern hatte und daß die Leibeigenschaft sicher nicht augenfällig war. Wir müssen jedoch nicht annehmen, daß hier etwa um das Jahr 1000 nur freie Leute gelebt hätten. Woher würden sonst später die immerhin beträchtlichen Hörigen gekommen sein? Bei eingehender Beschäftigung mit diesen Fragen, wird man etwa zu folgenden Ergebnissen kommen:

1. Es gab bevorrechtigte Siedler in nicht geringer Zahl, aus denen sich wohl in der Folgezeit der Kleinadel, Bauernadel unserer Heimat entwickelte. Es waren in der Hauptsache die Freibauern der erwähnten Urkunde.

2. Außerdem waren zahlreiche Bauern geringen Vermögens anzutreffen, in der Anfangszeit auch frei, niemand hörig. Sie sanken jedoch mehr und mehr in ihrer Stellung und gerieten schließlich in eine gewisse Abhängigkeit von dem Bauernadel. In den nächsten Jahrhunderten hatten sie sehr unter den Fehden der Herren zu leiden und wurden ihnen abgabe-, manche wohl auch dienstpflichtig oder hörig.

3. Eine besondere Stellung nahm wahrscheinlich noch eine weitere Gruppe von Leuten ein, die blutsmäßig mehr den früheren Bewohnern unseres Landes, den Kelten zugehörten. Als die Germanen vor einer ganzen Reihe von  Jahrhunderten in unser Gebiet hereingekommen waren,
werden sie leibeigen geworden sein. Da sie wohl den
Germanen in der Kunst der Eisenschmelze überlegen waren, mögen sie sich diesen wegen gediegener Schmiedearbeit nützlich gemacht haben. Wahrscheinlich hat sie ihre ursprüngliche Abhängigkeit nie sehr gedrückt,
sie hat sich aber von Eltern auf Nachkommen von Jahrhundert zu Jahrhundert übertragen. Sie betrieben Landbau und Eisenschmelze nebeneinander. Zwar liegt über diesen Verhältnissen noch ein Schleier gebreitet, aber wenn nicht alle Anzeichen trügen, war ein
nicht geringer Teil der Unfreien dieses Ursprungs.

Sehen wir uns die Dinge nun einmal näher im engheimatlichen Raume an. In der Gemarkung unserer Dörfer Frohnhausen und Wissenbach waren viele Geschlechter des Bauernadels begütert, so die Herren von Haiger, von Rolshausen, von Bicken, von Hunsbach, von Dernbach, von Selbach, von Oell, von Hillingeshusen und Wittgenstein. Wer kann darüberhinaus heute noch sagen, woher auch die Zahl der später herrschaftlichen Höfe in den beiden Gemeinden rührte, z. B. der Schungeln-, Lauten-, Jeckeln-, Seibeln-, Wellerhof? Sicher waren sie alle vorher im Besitze verschiedener Adelsgeschlechter und von den Dillenburger Grafen durch Kauf und Gewalt erworben. Neben der Begüterung stand noch eine ganze Anzahl weiterer Geschlechter durch Gerechtsame in Beziehung zu unseren Ortschaften.

Über die Lasten und Leiden der Kleinbauern gibt uns die Dernbacher Fehde anschaulichen Aufschluß. Aus den noch erhaltenen Akten geht hervor, daß die ärmeren Bauern unter Rücksichtslosigkeiten und Roheiten der Herren sehr zu leiden hatten. Ihre Felder wurden zertrampelt, die Frucht vernichtet, die Hütten angesteckt, die armen lude ( so heißt es immer wieder) ausgeplündert. Oft stoßen wir in den Schriftstücken auf die Worte Nahme und Brand. Konnte man den Herren auf ihren Burgen nicht so leicht beikommen, so suchte man sie doch in den ihnen zins- und dienstpflichtigen Bauern zu treffen und zu schädigen. – Der Schiedsspruch 1357, der in der Fehde der verwitweten Gräfin Adelheid von Nassau gegen die Herren von Haiger auf einem zusammengehefteten, mehrere Meter langen Pergament niedergelegt ist, läßt uns ebenfalls einen guten Einblick in die damaligen Verhältnisse und ihre verschobenen und verschrobenen Begriffe und Rechtshändel gewinnen. In diesem Dokument werden viele Übergriffe erwähnt. Unter anderem waren auch die Einwohner von Frohnhausen in die Auseinandersetzung der Gräfin Adelheid von Nassau mit Eberhard von Haiger verstrickt.

Auch über die Unfreiheit in unserer Heimat sollen zur Gewinnung eines klaren Bildes noch einige Tatsachen und Zahlen aus der Zeit vor 1450 angeführt werden: 1309 überlassen die Ganerben von Dernbach ihren Stammsitz, ihre Burg mit 50 Leibeigenen den Landgrafen von Hessen. – 1342 wird von weiteren Leibeigenen der Herren von Dernbach gesprochen. – 1364 nennt ein Verzeichnis 47 Gerichtsleute und Hörige der Grafen von Nassau im Gerichte Ebersbach und 17 solcher zu Wallenfels. Hinzu kommen immer noch die Angehörigen. – 1448 erfolgte die bekannte Wesselung, ein Austausch zwischen den Bickener Leibeigenen im Nassauer Gebiet gegen diejenigen der Nassauer im Gericht Ebersbach. Die Zahl der Leibeigenen im Bickener Besitz war größer als die der Nassauer. Von erheblichem Umfang und von langer Dauer war die Zahl der Unfreien bekanntlich im Grunde Sel- und Burbach. Wenn man entgegenhalten will, die Unfreiheit sei keine drückende Leibeigenschaft gewesen, so mag das gegenüber anderen Gegenden gelten. Unbestreitbar ist aber, daß den Unfreien das Recht der Familiengründung ohne Erlaubnis des Leibherrn und das der Freizügigkeit fehlte, daß diese Menschen verhandelt wurden wie Waren (man nannte die Tausche Käute) und daß die Abhängigkeit sich von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbte. Später allerdings erschöpfte sich die Leibeigenschaft im wesentlichem in der Entrichtung des Besthauptes, einer das Verhältnis bestimmenden Abgabe, die jedoch nach Sinn und Herkunft noch Zeugnis und Beweis früherer erdrückender Lasten darstellte. So sah es also hier zum Ende unseres frühen Zeitraumes aus. Wer trat dann aber für die kleinen Bauern ein in einer Zeit, als in unserem Raume die Nassauer Grafen sich gegenüber den einzelnen Adelsgeschlechtern in langen, verbissenen Kämpfen erst durchringen mußten? Wir können aber auch den Schluß ziehen, daß die allgemeinen Wohn- und Lebensverhältnisse der geringen Bauern ärmlich und zuweilen menschenunwürdig gewesen sein müssen. Und unser Ortsname Frohnhausen, wie man ihn auch deuten und verstehen mag, irgendwie drückt er doch ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem oder mehreren Grundherren aus. Dürfen wir denken, daß ein solches Verhältnis nur auf ein einziges Dorf beschränkt gewesen sei?

Entwicklung des Pfluges

Pflug
Bauer um 1380

 

 

 

 

 

Wenn wir den Zusammenhängen nachgehen und nachdenken, gehen wir gewiß in der Annahme nicht fehl, daß allgemein auf das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung für die Bauern des ganzen Raumes einige Jahrhunderte des Druckes und des Seufzens, also schwerer Lasten folgten.

b) Die Zeit bis zum Ausgang des Dreißigjährigen Krieges

Mit dem Erstarken des Nassauer Grafengeschlechtes zog auch für unsere Bauern allmählich eine neue Zeit herauf. Die Grafen suchten den eingesessenen Adel klein zu halten. Durch heftige Fehden und viele Güterankäufe bauten sie ihre Machtstellung weiter aus. Sie zeigten aus dieser grundsätzlichen Einstellung heraus den kleineren Bauern eine freundliche Haltung. Auch für die spätere Zeit ist eine leutselige Haltung der Grafen von Nassau dem Volk, d. h. nicht zuletzt den Bauern gegenüber festzustellen. Die Grafen merkten, daß ihnen diese menschliche Haltung gut anstand und nicht unvorteilhaft war, und die Bauern erhofften und spürten mit der Zurückdrängung des Bauernadels merkliche Erleichterung des auf ihnen lastenden Druckes. Noch in späterer Zeit standen Glieder der gräflichen Familie den einfachen Leuten der Dörfer Taufpate und hielten, soweit aus den Akten und Notizen ersichtlich, immer besten Kontakt mit diesen. So kam es auch, daß der Bauernkrieg (1525), der in anderen Gegenden die Parteien hitzig gegeneinanderführte, im Dillenburgischen ziemlich spurlos vorüberging. Es fehlte den im allgemeinen gutmütigen Bauern die Unzufriedenheit als Ursache und Grundlage für eine Revolte. Natürlich konnte sich eine Lockerung und Besserung der Lebensverhältnisse der „armen Leute“ erst langsam anbahnen. Aber mit dem Erträglicherwerden der Dienste und Lasten wird auch nach und nach eine Entspannung im Ganzen eingetreten sein. Der Bauer lebte auf. Der Besitz mehrte sich und wurde verbessert. Im Laufe eines Jahrhunderts stellte sich gar ein gewisser Wohlstand ein. Die Aufwärtsentwicklung hielt bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges an. Selbstverständlich zeigen sich auch nicht selten Einzelfälle großer Armut. In Bittschriften an die Landesregierung wird das oft in beweglichen Worten ausgedrückt. Aber, ist das anders zu denken? Es fehlte ja noch sehr lange jeder Ansatz einer sozialen Gesetzgebung.

Wir sind nun in der sehr günstigen Lage, über die Besitzverhältnisse der hiesigen Bevölkerung in der Mitte des 15. Jahrhunderts und wieder 120 Jahre später insbesondere durch zwei ausführliche Steuerlisten gut unterrichtet zu sein. Die bekannte Liste von 1447 gibt den genauen Viehbestand fast aller unserer Dörfer an. Sie verzeichnet einen erstaunlichen Viehbesitz. Auffallend ist vor allem die verhältnismäßig große Zahl von Pferden, auf 27 von der Schatzung betroffenen Haushaltungen entfallen in Frohnhausen 33 Pferde. Sechs Familien besitzen kein Pferd, 13 je eines, die übrigen 2-4 Pferde. In der ganzen Gegend diente damals noch das Pferd als Fahr- und Zugtier. Wegen der regelmäßig wiederkehrenden Brache der Felder und der noch unvollkommenen Ackergeräte waren wohl stärkere Zugtiere nötig. Am Ausgang unseres Zeitraumes verbot die Regierung gar die Verwendung von Kühen zum Fahren und Pflügen. Der Grund für dieses Verbot lag allerdings in der Einbuße von Dienstgeld (Steuern!), da dieses nur für Pferde, nicht aber für Kühe erhoben wurde. Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Bevölkerung stärker wuchs, und der landwirtschaftliche Besitz immer kleiner wurde, als der Zustand der Wege schon besser geworden war und man das Doppeljoch nach und nach abschaffte, als der Bauer bei Aushebung der Pferde fürchten mußte, die besten Tiere hergeben zu müssen, ging man schließlich allgemein dazu über, Kühe vor Wagen und Pflug zu spannen. Die Regierung sah dann auch die Notwendigkeit ein, stellte sich um und erhob fortan das halbe Dienstgeld der Pferde für Kühe.

Auch die Zahl der Kühe ist gewiß nicht gering zu nennen. Von den 27 aufgeführten Viehhaltern hatten nur fünf je eine Kuh, 5 hielten je 4 Kühe. Es werden 3 Hofleute genannt; für einen von diesen fehlt jedoch die Viehangabe; da er dem Bickener Hof hier vorstand, war er frei. Der „Hobemann Grynhenne“ hatte 2 Pferde und 6 Kühe zu versteuern und der andere „daß Eydinchen“ 4 Pferde und 5 Kühe. Zu der Gesamtzahl von 71 Kühen kamen noch 10 Rinder und 14 Jungtiere (ältere Kälber!). Auch wurden noch 32 Ziegen gehalten. Die Ödländereien und Wüsteneien mit ihrem Gesträuch und Gestrüpp waren der Ziegenhaltung günstig. Später war die Zahl der Ziegen so stark angewachsen, daß sich die Regierung veranlaßt sah, die Aufzucht von Ziegen zu verbieten. Den immer wiederkehrenden Verboten im 18. Jahrhundert wurde die Begründung angefügt, daß die Ziegen dem aufkommenden Wald zu großen Schaden zufügen würden. Erheblich war in unserer Gegend allgemein die Schafzucht. In Frohnhausen wurden von 27 Familien 97 Schafe gehalten. Da es sich um eine Herbstschatzung handelt, so erscheint die Zahl der Schweine mit insgesamt 28 Stück sehr gering. Der Gesamtbetrag dieser Besteuerung wird mit 139 Gulden 4 Turnos angegeben. Er ist also sehr hoch anzusehen, gibt doch Arnoldi – kaum glaublich! – den Wert einer Kuh mit 2-3 Gulden, den eines fetten Schweines für diese Zeit mit einem Gulden an.

Bringen wir nun zum Vergleich mit dem Besitzstand 120 Jahre später die Türkenschatzung von 1566. Wir sind durch diese Aufstellung über Haus-, Grund- und Viehbesitz der Bauern in Einzelheiten gut im Bild. Die Türkensteuer war vom Reich diesmal als sofortige und als „beharrliche Türkenhilfe“ angefordert worden. Für Frohnhausen sind diesmal 62 Hausbesitzer veranschlagt.

Die Gebäude sind nach ihrem Wert sehr verschieden eingeschätzt, schwanken doch die Wertangaben von 4–60 Gulden (im Durchschnitt 30-40 Gulden). Zum Vergleich: 1 Kuh gilt 3, 1 Rind 2, 1 Schwein 1 fl., 1 Schaf 1/2 fl. Der Heimberger „Hanß Schmied“ ist im ganzen der Begütertste. Seine Gebäude sind mit 50 fl. angesetzt. Diese Bewertung läßt sichere Schlüsse auf den Zustand der Gebäude zu. Sie waren wohl zumeist aus Eichengebälk hergerichtet mit Lehmfachwerk, die Dächer strohgedeckt. Vielfach müssen es armselige Hütten gewesen sein. Das Innere der Bauernhäuser faßte zumeist eine Stube mit Kammer. Der Herd stand mitten im Hause, und zu beiden Seiten des Wohnraumes befanden sich die Viehställe. Das mag der Wohnung eine gewisse Wärme gegeben und die Viehfütterung erleichtert haben. Die enge Vereinigung von Wohnung und Viehställen war jedoch auch Ursache, daß Bauernhäuser oft nicht gerade den saubersten Eindruck machten und daß „landwirtschaftliche Gerüche“ dem Besucher beim Eintritt entgegenschlugen. Stube und Kammer waren niedrig, wenig geräumig, die Fenster klein. So drang wenig Sonne, Licht und Luft herein.

Auf der Schatzungsliste sind auch Gärten eingesetzt. Auch sonst wird von Obst- und Krautgärten in Hausnähe gesprochen. Die Wiesen sind in Grund- und Außenwiesen geschieden. Eine Grundwiese, die etwa einen Wagen Heu hergab, wurde auf 60 fl. Wert geschätzt. Das läßt die Wertung der Viehzucht erkennen. Kleine Wiesen wurden auf Hausten geschätzt. Ähnlich war es mit der Einschätzung des Ackerlandes. Heimberger Schmidt besaß 6 Tage Bauland (den Tag mit 40 fl. veranschlagt) und 2 Tage Außenland, diese zusammen 12 fl. Die meisten hatten 1-2 Tage Bauland. Die Gärten bewegten sich wertmäßig von 1-30 fl., im Durchschnitt 4-8 fl. Doch sind 24 Familien ohne Gartenbesitz.

Nun der Besitzstand an Vieh: Die Zahl der Pferde ist in den 120 Jahren (seit 1447) zurückgegangen, wenn die Zunahme der Bevölkerung berücksichtigt wird. Keine einzige Familie besitzt noch mehr als ein Pferd. Offenbar sind es nur noch Pferde, die in der Landwirtschaft Verwendung finden. Dementsprechend hat sich jedoch der Besitz an Kühen gemehrt: 157 Kühe und 81 Rinder entfallen auf 62 Hausgesäße, 4 Kühe und mehrere Rinder in einem Stall sind nicht selten. Ziegen werden überhaupt nicht mehr erwähnt. Sehr wahrscheinlich sind nur noch ganz wenige heimlich gehalten worden. Die 140 Schweine sind den Verhältnissen schon mehr angemessen als 28 im Jahre 1447. Ganz erheblich ist die Schafzucht in Aufwärtsentwicklung: 479 Schafe, davon 100 einer „schefferey“. Man liest übrigens, daß Räude und Blattern im 16. Jahrhundert mehrfach unter den Schafen ausbrachen und in den Herden sehr aufräumten.

Die Gesamtbesteuerung beträgt 100 1/2 fl. Dazu lief gleichzeitig die „beharrliche Türkenhilfe“ in ungefähr gleicher Höhe nebenher. Ihre Liste vom 21. August 1566 weist nochmals eine Gesamtsumme von 102 fl. 5 Alb. auf.

Auch über die Verschuldung der einzelnen Ortsbürger gibt uns die Liste Auskunft, denn die Schulden werden gewissenhaft abgezogen. Man erhält den Eindruck, daß man sich sowohl um genaue Erfassung, wie auch gerechte Besteuerung mühte. Das scheint nicht in allen Ortschaften so der Fall gewesen zu sein.

Anschließend sei hier zu der Viehhaltung noch etwas angefügt über den Eintrieb der Schweine in die Wälder und über Raubtiere. In Jahren, wenn die „Hochgewälde“ an Eicheln und Bucheckern tüchtig eintrugen, trieb man die Schweine zur kräftigen Mast an diese Orte. So wurden 1515 91 Schweine ausgetrieben. Das erbrachte der Regierung auch einige Gulden. Sechs Schweine des Pfarrers (wohl weil dieser den Eber hielt) und 7 des Schweinehirten wurden frei mitgeführt. In diesem Jahr wurden zwei Schweine in den hiesigen Waldungen „vom Wolf gegessen“. Das Einbrechen des Wolfes in die Herden geschah nicht selten, da die Zahl der Wölfe in unseren Wäldern noch recht groß war. 1456 wurden einem Einwohner von Sechshelden zwei Pferde von Wölfen zerrissen. Ähnliches ereignete sich 1492 in Merkenbach. In Edingen wurden 1557 in einer Nacht 150 Schafe im Pferch erwürgt. 1515 erlegte man ganz in der Nähe des Dillenburger Schlosses einen Wolf. In der Zeit von 1454 – 1524 wurde für insgesamt 403 Wölfe Fang- oder Schußgeld gezahlt. Die Zahl der wegen geringer Belohnung nicht abgelieferten Tiere wird von Arnoldi auf ungefähr gleiche Höhe geschätzt. In einzelnen Jahren wurden 30-40 alte und junge Wölfe an die gräfliche Kellerei abgeliefert. Die Erlegung von „Hasen- und Fischgeiern“ und von Fischottern wurde besser gelohnt.

Aus den Besitzverhältnissen, dem Viehbestand, der Wertung der Wiesen erkennen wir eindeutig, daß der eigentliche Nahrungserwerb sich damals mehr auf die Viehzucht als auf die Bebauung des Landes gründete. Die Feststellung wird weiter bestätigt, wenn wir nun einmal versuchen, in das bäuerliche Leben dieser Zeit einzudringen. Der heutigen Generation rückt der ganze Gedanken- und Lebenskreis von damals immer ferner. Das gesamte Leben, das Denken, Dichten, Trachten, Streben bewegte sich ausschließlich innerhalb dieses ursprünglichen Lebensraumes. Es ist dies ja auch aus allen Gegebenheiten, aus der Zeit und den Verhältnissen gar nicht anders möglich. Heute muß uns manches fremd und überwunden, als „altmodisch“ vorkommen, ausgegangen von der Nutzung der Wälder, Wiesen, Weiden, Felder, dem Austreiben der verschiedenen Viehherden (Ziegen, Schweine) in alter Weise, bis hin zum innerdörflichen Leben und Treiben. So mußte diese Erwerbsweise und Lebenswelt auch die nachbarliche Berührung und den allgemeinmenschlichen Verkehr bestimmen. An Gemeinsamkeiten und vielleicht mehr noch an Reibungen und Gegensätzlichkeiten im Alltag mangelte es durchaus nicht, auch nicht unter den Nachbarorten. Schon das Vieh mit seinen Nahrungsbedürfnissen gab hier reichlich Anlaß, leider mehr zur gegenseitigen Entfremdung als zu Annäherung. Das Rindvieh mußte zur Weide. Der Weidgang aber ließ sehr oft die Nachbargemeinden gegeneinander in Streit geraten. Das war kaum vermeidbar, da die Hutgerechtigkeiten sehr oft unglücklich verzahnt und in Abgrenzungen noch nicht einmal schriftlich festgelegt waren. Sie wurden nur durch immer zu wiederholende Grenzbegänge mehrerer Nachbargemeinden festgehalten. Ganz schlimm aber war es, daß Nachbargemeinden gemeinsamen Weidgang, sog. Koppelhut hatten, Weiden, die von dem Vieh beider Gemeinden genutzt wurden. Man kann das wohl noch als einen alten Zopf aus der Zeit der früheren Markgenossenschaften ansehen. Überschritt ein Stück Vieh die Weidgrenze, so war das beobachtende Auge der Gegenseite sofort wach. Sofort wurde Klage erhoben, Sühne verlangt, und, um etwas in der Hand zu haben, die Übeltäterin, das gierige Stück Vieh, als Pfand mitgenommen, gepfändet. Dann mußte der Eigentümer die geforderte Sühne und die Fütterung im fremden Stall bezahlen. War er dazu nicht willig, so wurde die Kuh verkauft und vom Erlös die Sühneschuld in Abzug gebracht. Zumeist kamen solche Fälle dann auch vor den Schultheißen. Diese Hut- oder Weidgangstreitigkeiten der alten Zeit füllen viele Aktenbündel der Archive. Es muß vermutet werden, daß kaum eine Gemeinde ohne diese Streitigkeiten durch die Jahrhunderte gekommen sein wird. Bleiben wir nun einmal bei unseren Gemeinden Frohnhausen und Wissenbach; zwei Nachbardörfer, seit Menschengedenken, solange schriftliche Aufzeichnungen, Urkunden und Akten, reichen, in allerengster Berührung, blutverbunden, Wissenbach seit bestehen des Kirchspiels Frohnhausen nach hier pfarrend, vorher, vermutlich seit bestehen der Orte, gemeinsam der Kirche Haiger zugehörend, bis zum Ende des 15. Jahrhunderts dem Amt und Gericht Haiger unterstellt, alsdann gemeinsam nach Dillenburg wechselnd. Die Toten beider Orte lange Zeit auf gemeinsamem Friedhofe (Frohnhausen) zur letzten Ruhe bettend, im allgemeinen in bester Eintracht lebend, oft gleiche Ziele verfolgend: auch diese „Zwillingsdörfer“ halten jahrzehntelang Grenz- und Weidgangstreitigkeiten. Sie scheinen dabei trotz gepfändeter Hämmel brüderliche Feinde geblieben zu sein, gehen gleichzeitig in einem äußerst hartnäckigen Hexenprozeß immer wieder vereint bei der Dillenburger Regierung vor, um mit aller Gewalt ihren Willen, die Verbrennung ihrer „Hexen“ durchzusetzen. Sie nehmen sogar während der Zeit der Feldbestellung in rührender Weise gemeinsame Haft in Kauf. Andererseits streiten sie sich in zäher Verbissenheit und Ausdauer, jedoch aufs Ganze gesehen in verwunderlicher Ruhe und Gelassenheit, um „stein und mohl“ ihres Weidgangs und um eine sie trennende Hecke. Allerdings muß auch zum besseren Verständnis der ganzen Irrung gesagt werden, daß die Weidgerechtigkeiten räumlich wirklich kompliziert waren, treiben doch die Wissenbacher mit voller Berechtigung ihr Vieh vor die Tore Frohnhausens und die Frohnhäuser das ihre bis einen „büchsenschuß“ vor Wissenbach. Zwischen diesem Wissenbacher Hutraum vor Frohnhausen und dem der Frohnhäuser vor Wissenbach liegt die strittige Stelle. Die Streitigkeiten brechen ab, und der Ausgang ist, wie so oft, da man sich mündlich einigt, nicht ersichtlich.

Andere Streitigkeiten führen die Frohnhäuser mit den Dillenburgern ganz zum Ausgang des 16. Jahrhunderts. Doch scheint man sich in dieser Sache bald einig geworden zu sein. Auch mit Weidelbach hat Frohnhausen um eine Koppelhut gestritten, allerdings ganz am Ende unseres Zeitraumes. Ferner geraten auch Wissenbach und Nanzenbach wegen Grenz- und Hutstreitigkeiten Jahre hindurch aneinander, doch haben diese offenbar keinen allzu umfangreichen Aktenniederschlag gefunden.

Einen weiteren Anlaß zu gemeindlichen Auseinandersetzungen brachte die Beholzung. Ums Jahr 1540 war zwischen den Gemeinden Dillenburg und Frohnhausen „Irrung der beholttzung halber an der Heunen Burgk und weiher, bis an Klingen grundt“ entstanden. Die Dillenburger nahmen für ein in den Akten begrenztes Stück Wald die Holznutzung für sich allein in Anspruch. Zur Schlichtung wurde eine Grenze abgesteint und für alle Zeiten festgelegt, doch mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß diese nur für die Holznutzung Geltung haben solle, nicht aber für den Weidgang. Ostern 1566 erfolgte noch einmal eine Festlegung. Für die Holzversorgung scheint damit das Kriegsbeil begraben worden zu sein. Aber die erwähnten Hutstreitigkeiten nehmen nach einigen Jahrzehnten gerade diese Grenzbestimmung zum Ausgang. Auch von den Ortschaften Wissenbach und Nanzenbach werden um die Mitte des 16. Jahrhunderts Streitigkeiten über die Beholzung erwähnt.

Schließlich sei hier nun noch der Gegensätzlichkeiten gedacht, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zwischen Kirchen- und Zivilgemeinde Frohnhausen wiederholt laut werden. Anlaß dafür war, daß des Pfarrers Magd sich „im Seiffen“ rechts vom Rolshäuser und dem Lautenhof beholzt hatte und dabei auf Befehl der Gemeinde vom Gemeindeschützen, Schungels Heinrich, „gepfändet“ worden war. Diese Angelegenheit wird bald geordnet, doch tauchen nochmals nach einigen Jahrzehnten Schwierigkeiten auf.

Standen bei den Konflikten der Gemeinden untereinander Weide, Wiese, Wald und Feld im Mittelpunkt, so werden wir weiter sehen, daß die Viehzucht und Landwirtschaft auch dem Leben im Dorfe ihren Stempel aufdrückten. Mit dem Anwachsen der Dorfbevölkerung mußten notwendig auch die örtlichen Dinge geordnet werden. Vielleicht werden schon einige Jahrhunderte vorher gewisse „Ortssatzungen“ mündlich abgeredet worden sein. Jetzt aber, in der zweiten Hälfte unserer Epoche, mußten doch die wichtigsten Grundsätze der dörflichen und nachbarlichen Verkehrs schriftlich zu allgemeiner Befolgung festgelegt werden. Da ist es natürlich und selbstverständlich, daß sich Struktur und Eigenart der Dorfverhältnisse in einer Dorfordnung ausdrücken müssen. Die verschiedenen Ordnungen der Gemeinde Wissenbach geben dafür gute Einblicke. Die erste uns erhaltene Satzung stammt aus dem Jahre 1577. Sie gibt gleich zu Anfang Gründe und Notwendigkeit ihrer Entstehung an: „Viel Unordnung, Holtzung, Hecken, Hegen, Weiden, Weidgengen, Gepotten, Verpotten, Ungehorsamen und vielen anderen Punkten sind biß anhero gehalten, geubt und gebraucht worden“. Darüber erfolgen nun Einzelanordnungen. An der Spitze steht die Ungesetzlichkeit der freien Beholzung. Es gilt als unmöglich, daß sich jeder Einheimische und „außer gesessene“ frei nach Bedarf und Laune sein Holz, wie und wo er es schlagen will, holen kann. Auch das Sträucherwerk und die Weiden sollen geschont werden. Sie waren damals noch besonders wichtig, als „Witt“ zum Binden und Schnüren von Reisigwellen, als Besen- und vielleicht Erbsenreiser und nicht zuletzt die Weiden zum Korbflechten. Vor Michaelis (29. Sept.) soll niemand sein „Melck viehe“ ohne Aufsicht auf Wiesen und Feld lassen. Das gab seither oft Anlaß zu Streit und Zank, wenn eine Kuh in die Wiese oder Frucht fremder Leute geriet und dort Unheil stiftete. Wiesen auf denen noch Grummetgras gemäht werden kann, sollen, solange ein Interesse des Eigentümers dafür angenommen werden kann, „unveratzt pleiben“, (vom Weiden verschont bleiben). Erst nach dem Lauxtag (18. Okt.) sind die Wiesen den Viehherden geöffnet. Vielfach wurden die Schweine morgens schon längere oder kürzere Zeit vor Austrieb des Schweinehirten und abends noch nach Rückkehr desselben frei umherlaufen lassen. Dann strolchten sie in Dorf und Feld umher und richteten „menniglichem an seiner Frucht, Krautth und anderem merglichen Schaden“ an. Das wird jetzt verboten. Das Reiten und Weiden in Frucht und Feld anderer wird angeprangert und untersagt. Schon vor Walpurgis (1. Mai) hatte mancher Wiesen beweidet. Das ist dem Wachstum des Grases nicht zuträglich und wird unter Verbot gestellt. Es fehlt auch nicht an Dorfgenossen, die selbst gingen oder ihr Gesinde mit „Grasstümpfen“ (vermutlich sichelähnlichen Geräten) hinausschickten und rasch und unbemerkt von fremden Wiesen das beste Futter wegstahlen. Die Strafe für diese eigentlich grobe Verfehlung ist nicht einmal hoch (6 Albus und dem Schützen zu Lohn 2 Albus). Jeder soll seine Güter nach gemeindlichen Plätzen und Straßen hin zur eigenen Sicherung „verzeumen, zumachen oder verhegen“. Natürlich wird auch an Grenzsteinverrücker gedacht. Wer derselben Gemein Marstein einen oder mehr bezeunen, behegen oder innemen“ wird künftig 1 fl. Strafe zahlen. Alte Gewannenwege oder Fahrten wurden oft nicht benutzt, sondern es wurde über die Grundstücke des Nachbarn gefahren. Schäfer, Kuh- und Schweinehirten haben schon manchmal vor der Getreideabfuhr auf den Stoppelfeldern geweidet. Die Dorfsatzung schafft in all diesen Dingen Ordnung und Handhabe gegen Übertreter.

Über das dörfliche Leben allgemein unterrichten uns 4 weitere Artikel: Der Heimberger führt Klage. Wenn er zu besonderen Anlässen die Gemeinde auf Glockenzeichen hin zusammenruft, so leisten ihm einige Ortsbürger immer erst auf fünf- oder sechsmaliges Klopfen hin folge. Hinfort soll jeder bei Strafe von vier Pfennigen „gehorsamlich erscheinen“. Es werden „viele leichtfertige und gotteslästerliche Worte von Mans- und Weibspersonen wider das Göttliche Gesatze und Gepott gebracht“. Strafe 1 fl. für die Gemeinde und Rüge durch den gnädigen Herrn. Auch nächtliches Treiben „mit Spilern unordentlichen Nacht und anderen Dentzen“ werden unter ausdrücklichem Hinweis auf den allgemeinen Rügezettel verboten. Jeder, ob „Mans- oder Weibsperson“, der aus einem Nachbarort einheiratet, hat der Gemeinde 4 Gulden zu entrichten. Wer von weiterher kommt außerhalb der Grafschaft, schuldet 6 fl. Diese Bestimmung stellte eine Erwiderung dar auf entsprechende Gebühren anderer „dorfen bober und bonder uns“, ober- und unterhalb Wissenbach.

Eine zweite Dorfordnung wird als Ersatz oder Ergänzung zu der besprochenen 1641 erlassen, da die frühere angeblich verloren gegangen sei. Gerade der letzte Punkt erfährt eine Abänderung: Jeder aus einem Nachbarort Einheiratende muß ein Vermögen von mindestens 100 Gulden nachweisen und hat 4 fl. der Gemeindekasse zu zahlen. Jede „ausländische Person“ soll mindestens 200 Gulden zubringen und 8 Gulden entrichten. Dazu ist jeder, ob „In- oder Ausländer“ verpflichtet, einen ledernen Feuereimer „zum gemeinen Nutzen unseres Dorffs“ anzuschaffen. Die Gemeindegrundstücke und die Wege werden nochmals unter besonderen Schutz gestellt. Neu ist die Strafankündigung von 3 Albus für Versäumnis des Gottesdienstes ohne dringlichen Grund.

Schließlich hatte die Gemeinde Wissenbach auch noch eine Strafordnung aus dem Jahre 1609. Sie bestimmte besondere Schafmeister und regelte Schafhaltung und Schafweide.

Wir haben nach verschiedenen Seiten hin ein immerhin etwas abgerundetes Bild vom Denken und Leben unserer Dorfbewohner innerhalb dieses Zeitraumes erhalten. Nach anfänglicher Armut und teilweiser Unfreiheit stellte sich allmählich eine gewisse Wohlhabenheit ein.

Die Ortsbürger bestimmten auch ihre Gemeindeverhältnisse schon zum Teil selbst; allerdings blieb die obrigkeitliche Genehmigung vorbehalten. In der zweiten Hälfte unseres Zeitraumes sind kaum noch Hindeutungen auf frühere Hörigkeit festzustellen. Dem Landesherrn gegenüber bestehen noch lange gewisse Fronleistungen, Hand- und Spanndienste, welche aber mit früherer Unfreiheit nichts zu tun haben. Sie werden kaum mit besonderem Widerwillen geleistet geworden sein. Das patriarchalische Verhältnis der Dillenburger Grafen zu ihren „Untertanen“ ließ die Fronarbeit nicht als schwere Last empfinden.

Schon in den Zeiten vor dem Dreißigjährigen Krieg hat „viel fremdes Volk“ in unseren Dörfern Einzug gehalten. Dem uneingeweihten mag das unwahrscheinlich klingen. Kämpfe und Händel der Nachbarländer und -ländchen untereinander, häufige Durchzüge von Soldaten, Gegensätze unter den Konfessionen, Vertreibungen, Erwerb, Bergbau und anderes brachten viel mehr Bewegung unter die Bevölkerung, als das meist gedacht wird. Von der besseren Lebensweise vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges wurde schon einmal gesprochen. Selbstverständlich darf man in keiner Weise heutige Maßstäbe anlegen. Anderseits muß man die Bitten an den Landesherrn stets kritisch lesen. Man wünschte Nachlaß an Steuer und Leistungen. Wer seine Not am beweglichsten schilderte, erreichte auch damals schon seine Ziele am besten. Zum Schluß hierzu noch zwei Bilder. Das eine fand schon kurz Erwähnung. Unsere Gemeinden Frohnhausen und Wissenbach klagen in einer Bittschrift an Graf Johann VI. über große Armut und bitten um Erlaß oder Stundung von Abgaben zur Fristung ihres Lebens. Noch im selben Schreiben, sozusagen in einem Atemzug, halten sie nachdrücklichst um Verbrennung ihrer „Hexen“ an, da diese ihnen durch Zauberei großen Schaden zufügen würden. Nach den beweglichen Klagetönen erbieten sie sich offen, die nicht geringen Kosten des Hexenbrennens selber tragen zu wollen! Das zweite Bild: Cuntzen Hans von Wissenbach klagt 1584, er habe zum „Prinzischen Zug“ (Wilhelm von Oranien, im früheren Einsatz für die Niederlande) Wagen und Pferde gestellt, und nicht wieder zurückerhalten. Im vorigen Jahr seien ihm 5 Pferde abgegangen – auch er gibt den „Hexen“ die Schuld daran. Vor 3 Tagen sei ihm ein weiteres Pferd auf dem Rückweg von Frankfurt ganz schwach geworden. Selbst der junge Graf Georg habe ihm empfohlen, bei seinem Vater, dem Grafen Johann VI., Hexenklage zu erheben. Er bittet um leihweise Überlassung einiger Pferde. – Auch das Wissen um diese Dinge ist zum wirklichen Verständnis der bäuerlichen Lebensverhältnisse dieser Zeit notwendig.

c) Die Zeit vom Beginn des Dreißigjährigen Krieges bis zum Niedergang und Wiederaufstieg Preußens.

Wir stehen hier vor einem der allertraurigsten Kapitel der Vergangenheit unserer Heimat, nicht zuletzt auch für Landbau und Viehzucht. Bei dem ungeheuren Absinken der Bevölkerungszahlen, den dauernden Einquartierungen, den Räubereien seitens einer zuchtlosen Soldateska, den wiederholten schlimmen Pestausbrüchen und all den unbeschreiblichen Begleiterscheinungen dieses langen Krieges mußte die Land- und Viehwirtschaft den allergrößten Tiefststand erreichen. Die Lebensmittel wurden in Kriegsjahren so begehrt, die Äcker und Wiesen aber waren so wenig geschätzt, daß man einen Acker für 2 Laib, einen halben Morgen Land für 3 Laib Brot, eine gute Wiese für 1 Viernsel (kleines Maß) Mehl erwerben konnte. Gesagt wird, man sei um die Bebauung fremden Landes gebeten worden, und niemand habe sich dafür überhaupt zu bedanken brauchen. Das war keine Faulheit, wenn die Leute ihre Grundstücke unbebaut liegen ließen. Es fehlte ihnen an Saatkorn, Vieh und Ackergeräten, einfach an allem. Man wußte sicher, daß die wilden Kriegshorden alles Genießbare vernichten würden. Der schlimmste Hunger brachte die Leute dazu, alles aufzuzehren. Da blieb für die Saat nichts mehr. Für wen anbauen? Alles wurde zertreten, nichts geschont. Wollte man für den Feind, der von allen Seiten drohte, säen? Es war schon gefährlich sich überhaupt auf dem Felde sehen zu lassen. Mißernten waren häufig. So verstehen wir, daß fast jede Feldbestellung unterblieb, daß der Bauer gleichgültig wurde und allem seinen Lauf ließ. Manche Männer gingen zu den Fahnen und hatten es dann besser. Die sichtbaren Schäden und die augenfälligen Folgen des Krieges waren schon schlimm, viel schlimmer jedoch war die lähmende Gleichgültigkeit oder Verzweiflung, der allgemeine Niedergang der Sitten. So kam es, daß man beispielsweise noch einige Jahrzehnte nach Kriegsende in Frohnhausen bei manchen Grundstücken den Besitzer nicht mehr feststellen konnte. Noch Jahre nach Friedensschluß waren fremde Soldaten im Lande, verwildertes, umherstreifendes Volk, das im trüben fischte und sich auf Kosten anderer bereicherte.

So dauerte es viele Jahrzehnte, ehe die Wunden des Krieges geheilt waren. Die Unruhen und Kriege der Folgezeit verhinderten den Aufstieg. Schlechte Witterung verursachte Mißwuchs und Mißernte. Und doch ging es langsam aber stetig vorwärts. Der Landbau war jedoch noch wenig fortgeschritten; an künstliche Düngung dachte niemand. Da kaum ein Austausch von Lebensmitteln erfolgte, mußten sich Mißernten oft sehr schlimm auswirken. Um so mehr war daher die Einführung der Kartoffel von Segen. Sie wurde unserer Heimat schon kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg bekannt, wurde jedoch erst nach 1700 zunehmend angebaut. Ihre hohe Bedeutung für die ärmere Bevölkerung wurde in Notjahren erkannt und schlimmste Hungersnot abgewendet. Nachdem man mit dem Kartoffelanbau begonnen hatte, ergänzten diese „Hackfrüchte“ oft den mangelnden Getreideertrag und umgekehrt. Der schlimmste Hunger früheren Ausmaßes blieb den Dorfleuten fortan erspart. Auch die Anregung der Landesregierung für eine Verbesserung der übrigen landwirtschaftlichen Erträge, ihre Versuche, neue oder ertragreichere Kulturgewächse anzupflanzen und die Lenkung der Viehzucht bewirkten eine allmähliche Verbesserung der heimischen Land- und Viehwirtschaft. Langsam tritt der Ackerbau gegenüber der Viehzucht mehr hervor. Versuchen wir nun, uns ein Bild des Landbaus und der Viehhaltung etwa des 18. Jahrhunderts zu machen.

Zunächst steht fest, daß der bäuerliche Besitz der Einzelfamilien weit größer war, als heute. Durch die fortgesetzten Erbteilungen nach altem nassauischem Erbrecht schritt die Verkleinerung des Grundbesitzes immer weiter fort. Die Einzelgrundstücke lagen über alle Felder und Fluren verteilt. Natürlich bestand die alte Einteilung der Flur in 3 Felder, wenigstens äußerlich gesehen, auch weiterhin. Sie verlor jedoch in der alten Form mehr und mehr ihre Daseinsberechtigung. Noch heute sprechen die älteren Eingesessenen z. B. vom „Obersten Feld“, das durch die „Oberste Heck“ vom anderen Feld abgeteilt war. Solche Abtrennungen der einzelnen Felder durch Hecken oder Zäune bewirkte, daß das Weidevieh, das in dem brachliegenden Feld alle drei Jahre weidete, nicht über die Grenzen hinausgehen und Schaden anrichten konnte. Es gab noch keine Stallfütterung im späteren Umfang. Man hatte daher auch wenig Mist zum Düngen und war deshalb gezwungen, im Wechsel jedes Feld das dritte Jahr als Brachfeld liegen zu lassen, damit es wieder neue Nährstoffe ansammeln konnte. Die zunehmende Bevölkerung aber erforderte, alles zu tun, um das Land ertragreicher zu machen. Das war jedoch nur möglich, wenn man das Feld besser düngen konnte und die Brache überflüssig wurde. Man hielt nun das Vieh mehr im Stalle, bekam damit mehr natürlichen Dünger, mußte dann aber auch mehr Futterkräuter anpflanzen. So bestellte man das jeweilige Brachfeld weitgehend mit Klee, oft auch mit Gerste oder Hafer untermischt. Da aber der Klee zwei Jahre stand, so durften diese Äcker nicht beweidet werden. Sie waren somit ein großes Hindernis beim Viehauftrieb. Als dann der Kleeanbau sich allgemeiner durchsetzte, konnte das Weiderecht im Brachland nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Eine Änderung der gesamten Flurordnung war unvermeidbar. In den Dillenburger Intelligenz-Nachrichten des Jahres 1789 wird die Frohnhäuser Gemarkung gerade als ein Schulbeispiel für diese neue Wirtschaftsart dargestellt. Man machte auch einen gründlichen Versuch mit dem „Klebkorn“, das angeblich in der Umgebung noch unbekannt war. Diese Kornart sollte dem übrigen Roggen ertragsmäßig gleichstehen, hatte aber den Vorteil, daß es den stärksten Frost gut überstand und nicht auswinterte. Im Frohnhäuser Feld wurde nur dieses „Klebkorn“ angebaut. Man hatte auch schon das „Johanniskorn“ versucht, das bereits um Johanni (24. Juni) ausgesät und zweimal im gleichen Jahre gemäht und als Viehfutter verwandt wurde. Es soll sich gut bestockt oder bestaudet und daher im nächsten Jahr einen guten Ertrag eingebracht haben. Die Flurordnung mußte strengstens eingehalten werden, und gerade für Frohnhausen wird mitgeteilt, daß der Vorstand nicht duldete, daß auch nur das mindeste des Ackerlandes unbebaut bleibe.

Unbekannt dürfte es weiterhin sein, daß man schon in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Grafschaft Nassau-Dillenburg Tabak anpflanzte, obwohl die Dillenburger Landesregierung zuvor dem Tabakgenuß feindlich gegenüberstand. 1781 wurden in der Frohnhäuser Gemarkung 2 Zentner und 40 Pfund und in der Wissenbacher 2 Zentner und 50 Pfund Tabak gezogen. Wie lange man diese Versuche hierzulande gemacht hat, kann nicht gesagt werden. Sehr wahrscheinlich haben Qualität und Quantität des Tabaks doch die gehegten Wünsche auf die Dauer nicht befriedigt. Schon 1749 wurde für das Dillenburger Land angeordnet, daß jede Gemeinde eine Obstbaumschule anlegen und diese „einem verständigen Manne“ in Pflege geben solle.

Da man auch jetzt noch alles was zur Ernährung und Kleidung nötig war, möglichst selbst erzeugte, wurde damals auch überall Flachs gezogen, den man im Winter verarbeitete. Die „Spinnstuben“ haben sich auch in unserer Gegend noch lange erhalten zum lustigen Zeitvertreib der Jugend und zur Unterhaltung der Älteren. Vielleicht mag sich noch im Einzelfalle ein alter Original Bauernkittel in einem Schrank als Erbstück aus Urgroßvätertagen erhalten haben. Auch Baumwolle und in besonderem Maße Schafwolle dienten der Herstellung von Kleidung. Oft wird in Verordnungen des 18. Jahrhunderts von „Spinnfactoren“ geredet. 1783 zahlte der „Spinnfactor“ Medenbach in Frohnhausen für einen Strang Baumwolle 7 und kurz darauf 7 1/2 Pfennige Spinnerlohn. Die Erzeugung und Verarbeitung von Schafwolle spielte schon seit Jahrhunderten für unsere Gegend eine erhebliche Rolle. Zu den Schatzungslisten von 1447 und 1556 und der Wissenbacher Schafordnung wurde hierzu schon einiges gesagt. Wenn in Frohnhausen 1447 97 Schafe, 1566 479 Schafe gehalten wurden und 1544 für den ganzen Raum des ehemaligen Dillkreises 28.290 und noch 1865 21.004 Schafe gezählt wurden, so zeugt das jedenfalls von einer recht umfangreichen Schafzucht.

Die Dillenburger Intelligenz-Nachrichten von 1789 berichten, daß in Frohnhausen in dieser Zeit die Schafzucht völlig in Abgang gekommen sei. Als Ursache wird angegeben: „Frohnhausen hat kein Feld, das allzu entfernt oder hoch in den Bergen liegt… Schafzucht fordert eine schickliche Weide und immer ein offenes Feld zum Pferchen“. Weiter wird 1798 gesagt, daß „eine doppeltstarke Rindviehzucht den Abgang an Schafzucht doppelt“ ersetze. In diesem Zusammenhang wird Frohnhausen als der „Butterschrank der Stadt Dillenburg“ bezeichnet. Diese Bedeutung Frohnhausens sei daran zu erkennen, daß nach dem 1778 ausgebrochenen Totalbrand des Dorfes das Pfund Butter in Dillenburg bis auf 17 und 18 Kreuzer angestiegen sei.

Nachdem in den früheren Jahrhunderten die Pferdezucht im Dillraume so stark betrieben wurde, nahm sie bald nach 1700 einen starken Rückgang. Nun wurden Zugochsen in beträchtlicher Zahl gehalten, die aber auch nach 1800 zahlenmäßig geringer wurden und nach 1850 der Fahrkuh Platz machten. 1824 gab es im ehemaligen Dillkreis 1.270 Zugochsen, 971 Zugkühe, 1865 796 Zugochsen und 2.289 Zugkühe. Das dürfte sicher als eine stärkere Abnahme des Grundbesitzes zu werten sein. Zu erwähnen ist auch, daß man sich schon um 1800 durch Viehversicherungen vor größeren Schäden und Verarmung zu schützen suchte. So wurde 1793 von der versammelten Gemeinde Wissenbach eine Viehversicherung gegründet. „Alle redlich gesinnten müssen sich in ihrem Gewissen überzeugt und zur Hilfeleistung an ihren durch Unglück betroffenen Nachbarn verbunden finden“.

Wir haben immer wieder gesehen, wie sich die Dillenburger Regierung um alle Belange der Viehzucht und Landwirtschaft kümmerte. So beobachtete Sie auch fortgesetzt den Zustand der Grundwiesen. 1785 nahm man eine eingehende Besichtigung der Frohnhäuser Wiesen an der Dietzhölze vor. Den in der Herrichtung ihrer Wiesen Säumigen wurden Strafen angedroht. Der Besichtigungsausgang sollte auch etwaige „Irrungen“ und zweifelhafte Grenzfälle klarstellen und berichtigen. Immer wurde zuerst versucht, auf gütlichem Wege Ausgleiche zustande zu bringen. Auch sah man sehr auf die Dietzhölzwehre und „Schutzriemen“. Wenn die Verhältnisse nicht befriedigten, so wurden die als notwendig erkannten Arbeiten auf der Stelle verakkordiert.

Die Landleute waren oft über die Gebühr sparsam. Sie verkauften lieber die Erzeugnisse ihrer Landwirtschaft, als daß sie diese selbst verzehrten. Man begnügte sich vielfach mit Honigbrot. Fleisch gab es nur an den Hauptfeiertagen. Auch die Butter wurde von vielen in die benachbarten Städte geliefert. Die Lebensweise war jedenfalls für unsere heutigen Begriffe überaus arm. Das sei zum Abschluß unseres 3. Zeitabschnittes besonders betont.

In einem Gang durch viele Jahrhunderte sind die wechselnden Schicksale der eingesessenen Dorfbevölkerung an unserem Geiste vorübergezogen. Haben nun unsere Dörfer am Ende dieser Periode ihre bäuerliche Wesensart so rasch und ganz verloren? Durchaus nicht! Es sind jedoch vom Anfang des 19. Jahrhunderts an andere Einflüsse spürbar geworden, die verhältnismäßig rasch im Laufe einiger Jahrzehnte die rein landbauliche Prägung der Dörfer veränderten. Gewiß hatte hier schon seit Jahrhunderten das Handwerk verschiedener Art Eingang gefunden. Aber eigentlich war der Handwerker nebenbei Bauer, oder besser gesagt, der Bauer nur nebenher Handwerker. Nun aber entwickelte sich ein ganz neuer Stand, der des Fabrikarbeiters.

Auch in unserer näheren Umgebung entstanden Fabriken. Bergwerke und Hütten kamen zum Aufblühen. Eine neue Arbeits- und Lebensweise griff fast zusehends Platz. Von vielen wurde nun die Landwirtschaft mehr als Beigabe zu ihrer Arbeit in Bergwerk oder Fabrik angesehen. Der Lohn des Arbeiters war sicherer, verläßlicher und befriedigender; man war von äußeren Verhältnissen unabhängiger. Die Fabrikarbeit aber nahm zumeist den ganzen langen Tag in Anspruch, so daß die Landwirtschaft weitgehendst den Frauen und Kindern zufiel. Viele Männer der hiesigen Gegend gingen auch in die Bergwerke des Siegerlandes und waren die ganze Woche über abwesend. Der Bau der Eisenbahn rundete das Bild noch weiter ab. Die dauernde Mehrung der Bevölkerung, der Rückgang der Landwirtschaft und der Zuzug Fremder in die Dörfer beschleunigte den ganzen Prozeß. So schritt die Entwicklung ohne Aufhalten bis zur Gegenwart weiter. Heute kann von einer Prägung der Bevölkerung unserer Dörfer im Dill- und Dietzhölztal durch die Landwirtschaft und Viehzucht in keiner Weise mehr die Rede sein. Das zeigt sich im besonderem Maße auch in der Geringschätzung des Bodens und der Landarbeit und kommt in dem Brachliegen vieler Ackerstücke unmißverständlich zum Ausdruck.