Bratschert

Grenz- und Weidgangsstreitigkeiten der Gemeinden Dillenburg und Frohnhausen um den Heunstein im 16. Jahrhundert.

Bratschert nennt der Volksmund das Gebiet westlich des Heunstein. Ableiten lässt sich die Bezeichnung evtl. von Breite und Schaar(Lagebezeichnung).  ’s Bratschert war zu früheren Zeiten eine Viehweide. Heutzutage ist das Gebiet zwischen Heunstein und Kaiserlinde bewaldet und nur von einem schmalen Streifen Grünland entlang einer Hochspannungsleitung durchzogen.

Alles Fließt. Alles ist dem gründlichen Wechsel der Zeit unterworfen. Die Entwicklung der Industrie in den letzten Jahrhunderten besonders, hat eine völlig andere Zeit heraufgebracht und die rein bäuerlich-ländlichen Verhältnisse gänzlich verdrängt, die in ihrer Eigenart heute als fortschrittlich überwunden angesehen werden, häufig mit etwas Überhebung. Das Kapitel Grenz- und Weidgangsstreitigkeiten führt uns zurück in diese längst vergangenen Zeiten, in denen unsere Dörfer noch mehr und weit größere Viehherden hatten und in denen mit der Unterhaltung dieser Herden oft besondere Schwierigkeiten verbunden waren. Es dürfte nötig sein, vorerst über solche Streitigkeiten einiges zum allgemeinen Verständnis vorauszuschicken.

Noch bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts waren Grenzstreitigkeiten einzelner Gemeinden untereinander bestimmt keine Seltenheit. Wenn heute jede Gemeinde ihre abgerundete Gemarkung besitzt, in die vielleicht hier und da (als Enklave) eine fremde Gemarkung ein Stück hineingreift, so waren früher die Verhältnisse noch weit anders gestaltet. Die Nutzungs- und Weidgerechtigkeiten waren oft sehr verwickelt. Das mag ein Beispiel zeigen: Frohnhausen und Wissenbach. Die Wissenbacher trieben ihr Vieh bis unmittelbar vor Frohnhausen. Ein breites Stück Landes, links des Hustenbaches, das sich vom Bomberg (Struth) über die Dietzhölze bis zur Höhe des entgegengesetzten Gebirgszuges hinzog, war unbestrittenes Wissenbacher Weistum. Ein darauf folgender Landstreifen war lange Zeit umstritten (bezüglich des Weidgangs vermutlich Koppelhut). In nicht allzugroßer Entfernung von Wissenbach zog sich ein Landstreifen ebenfalls vom Bomberg (Struth) über die Dietzhölze bis zur Höhe (in alten Akten Grebenborn genannt), der unstreitig Frohnhäuser Weistumb war. Somit weideten die Wissenbacher ihre Herden bis vor Frohnhausen und die Frohnhäuser die ihrigen bis nahe vor Wissenbach.

Besondere Veranlassung zu Streitigkeiten gab häufig die Koppelhut, der gemeinsame Weidgang des Viehes zweier Gemeinden. Sie ist wohl noch als ein Überbleibsel aus der Zeit der alten Markgenossenschaften anzusehen, als Wald und Weide noch gemeinsames Eigentum oder Markgenossenschaften waren. Erst in weit späterer Zeit wurde sie beseitigt.

Hinzu kommt noch, daß die Gemarkungsgrenzen in der früheren Zeit überhaupt kaum aufgezeichnet wurden. Sie wurden eben nur durch Grenzbegänge gedächtnismäßig festgehalten und das Wissen über den Verlauf der Grenzen von der älteren der jüngeren Generation überliefert. Wenn bei den Grenzbegängen, die verschiedene Nachbargemeinden in kürzeren oder längeren Zeiträumen miteinander und bei denen die ältesten Leute über die von früher her beobachteten Grenzlinien nach bestem Wissen aussagten, eine Gemeinde besser gestellt wurde, so suchte sie dabei zu bleiben, die benachteiligte Gemeinde strebte eine Besserung an. Auf diese Weise wurden oft Unstimmigkeiten heraufbeschworen. In späterer Zeit wurden die Grenzen die meist Wasserläufe oder irgendwelche natürlichen oder mehr zufälligen Linien (Waldränder oder dergl.) als Scheidmale benutzten, nach gesetzten Grenzsteinen in ein besonderes Gemeindegangbuch eingetragen, das wohl doppelt ausgefertigt, von der Gemeinde und der gräflichen Kanzlei aufbewahrt wurde. Bei diesem Brauch, besonders der früheren Zeit, war es, selbst den keineswegs immer vorhandenen Gerechtigkeitssinn der Beteiligten vorausgesetzt, nicht verwunderlich, wenn bezüglich des Grenzverlaufes unter den Parteien öfters Unstimmigkeiten und Differenzen entstanden. Durch Verträge, welche aber noch lange nicht immer eingehalten wurden, und durch die vorerwähnten Gangbücher, deren Einführung vielerorts in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirklich erfolgt sein mag, wurde den Streitigkeiten innerhalb der verschiedenen Gemeinden nach und nach ein Ende gemacht.

Nun nach etwas langer Einführung zu den Streitigkeiten der Dillenburger und Frohnhäuser um den Heunstein. Es handelt sich dabei um doppelte Streitigkeiten, „Irrungen“: um solche der „Beholzung“ und des „Weidganges“.

I. Ums Jahr 1540 war zwischen den Gemeinden Dillenburg und Frohnhausen „Irrung der beholtzung halber an der Heunen Burgk und Weiher, bis an Klingen grundt“ entstanden. Die Dillenburger nahmen für dieses Stück Waldes die Holznutzung ausschließlich für sich in Anspruch; die Frohnhäuser machten sie ihnen streitig. Rentmeister Heckman, Schultheiß Heckman und einige andere dazu bestimmte Personen erschienen deshalb im Jahre 1544 im Beisein „beider Gemeinden“, „auf dem Augenschein“, um an Ort und Stelle beide Parteien zu verhören und eine vertragliche Einigung zustande zu bringen.

Es liegt nun dazu eine Copie des 1544 zustande gekommenen Vertrages, diese ebenfalls aus 1544, aus dem Staatsarchiv zu Wiesbaden vor. Das Original ist sehr vermutlich nicht mehr vorhanden.

Vertraglich entschieden wurde: Erstlich sollen die von Dillenberg alles holtz vom Heunen Weyher, was naher Dillenberg zue heraber leigt, von sich haben, Vnd sunder Hindern der Fronheuser das Zu irem besten, der Dillenberger gemeinde hegen, Vnd zur nottdurft sich darin Zubeholtzen. Bis hierher (Heunweiher) wurde also das Recht der Beholzung allein Dillenburg zuerkannt. Bis zu dieser Grenze ist es wahrscheinlich überhaupt unstreitig gewesen. Die Feststellung ist nur zur Schaffung einer klaren Rechtslage gemacht worden, wie aus dem folgenden Wortlaut hervorgeht. Die Irrung erstreckt sich auf das folgende Gebiet vom Heunweiher bis zum Klingengrund, das idertheil vor iren gemeinen gebrauch haben wollen. Dieser Gebietsteil soll durch eine Abordnung von acht man, deren vier von Dillenberg, und vier von Fronhausen, ufs gleichst geteilt werden „Und im beisein des schultheißen vom Fußpfade (der an der Grenze verlaufen soll) unden an biß oben auß absteynen, Und so die Absteynung gescheen, was underhalb der Steyn, zum Heunweiher herab naher Dillenberg leigt, da sol denen von Dillenberg der brauch holtzung bleiben, Und was ufferts der Steyn leigt, nach Fronhausen ufhin, sol der brauch den Fronhausern zustehen. Und kein theil den andern uber die male und steyn uberholtzen, bej der Buß und vermeydung Plantschillings (s. das unter II. weiter unten über den Pfändungsbrauch Gesagte), die die Verbrecher (der Ausdruck ist hier selbstverständlich nicht in seinem heutigen Sinn angewandt, sondern wie damals überhaupt gebräuchlich, in der Bedeutung als, die gegen den Vertrag verstoßenden) entrichten sollen„. Die Hecken (niederes Gehölze, Gesträuch) unterhalb des Pfades werden den Frohnhäuser wie bißher allein zuerkannt. – Um die Hude und Vihedrift besteht kein Streit: Sie soll „wie bisher gescheen, nachburlich und fridlich, wie von alters, hutten, und disse vorgeschrieben mals (die vorbezeichneten Male sollen hinsichtlich der unstreitigen Weidgerechtsame keine Änderung bringen und zu keinem Streite Veranlassung geben), die hude nit scheiden, sonder gesonet, vereynigt verdragen sein und bleiben. Alles unserm gn. hern seiner Ober und gerechtigkeit unschedlich, in keine weis.“ (die gräflichen Rechte sollen in keiner Weise gemindert werden oder beeinträchtigt – in Bezug auf Obrigkeit und Gerechtigkeit ohne Schaden und Nachteil).

Der Vertrag ist doppelt angefertigt (für beide Parteien) und mit Herman Heckmans Rentmeisters uffgedruckten ring Pitschir (Siegel) versehen. Er datiert montags nach Martinij Ao XVc vierzig vier (1544). Die endgültige Grenzbestimmung und Steinsetzung erfolgt erst uf Dinstag nach Ostern des sechs und vierzigsten Jars, in gegenwertigkeit des schult (Schultheißen), der beiden Bürgermeister von Dillenburg, nemlich Laux schumacher und Johan bere und des Heimbergers und der Geschworenen von Frohnhausen.

Die beiden Parteien sind offenbar verträglich gewesen und mit der getroffenen Entscheidung bezüglich der Beholzung für alle Zeiten zufriedengestellt worden. Jedenfalls ist über weitere Differenzen nichts zu ersehen. Auf diese vertragliche Einigung wird wiederholt aus Anlaß späterer Weidstreitigkeiten Bezug genommen.

II. Die Streitigkeiten um den Weidgang waren, wie die Akten zeigen, nicht ganz so einfach und leicht zu schlichten. Immerhin scheint zwischen beiden Gemeinden eine friedliche und schiedliche Gesinnung geherrscht zu haben. Vorher noch einiges über den Pfändungsbrauch.

Wie schon oben gesagt: das Weidgangsrecht wurde durch gewohnheitliches Herkommen und vertragliche Abmachungen bestimmt. Wenn sich nun das Vieh an Plätzen befand, wo es rechtmäßig nicht weiden durfte, so konnten die Geschädigten das Pfändungsrecht ausüben, d. h. das Stück Vieh, das auf fremdem Eigentum weidete, konnte selbst als Pfand von der geschädigten Gemeinde geführt werden. Der angerichtete Schaden wurde dann von dazu bestimmten unparteiischen Leuten taxiert. War der Pfandschilling ersetzt oder verbürgt, so mußte das Stück Vieh, das als Pfand gedient hatte, dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben werden. Die Kosten für Fütterung während der Pfändungszeit waren vom Eigentümer zu erstatten. Wurde das Pfand nicht innerhalb bestimmter (kurzer) Zeit eingelöst, (d. h. Schaden und Geld für Fütterung vergütet), so konnte das Stück Vieh verkauft und die Forderung an den Eigentümer von dem Erlös bestritten werden. Pfändungen auf streitigem Boden machten selbstverständlich die ohnehin schon zweifelhaften Rechtsfälle noch verwickelter.

Die vertraglichen Bestimmungen von 1544 hatten die Weidgangsverhältnisse des Heunsteins ausdrücklich unberührt gelassen. Der Wortlaut: disse vorgeschrieben mals sollen die hude nit scheiden war nicht anders zu verstehen als: gemeinsamer Weidgang wie bißher geschehen, vereynigt, die Dillenburger nach Frohnhausen zu bis an den Klingengrund, die Frohnhäuser nach Dillenburg zu bis an den Heunenweiher, Klingengrund bis Heunenweiher also Koppelhut.

1593 beklagt sich die gemeindt zu Fronhaußen: Wir haben von undencklichen Jaren Hero biß zum langen Gaull, undt auß wilsbachs floiß, ohne einigen Intragk undt Hindernüß dero von Dillenburgk, mit unserm Vihe, unsere freie trifft, Hude undt Weidgang gehabtt, die Dillenburger aber hätten ihnen im Frühjahr uff denen bloissen wiesen, als noch der Weidgang in den Wiesen statthaft gewesen sei, einen Hammel gepfändet, undt denselben auch Ireß gefallenß verkaufft. Sie klagt weiterhin: Darnach Itzo viel diessen Martinj haben sie unß wiederumb beym Heunstein zween Hemmell abgepfendet, Die sie auch noch in Irer gewahrsam haben undt fordern von jedem Einen Gulden, ader aber wollen Dieselbe behaltten, undt nicht widdergebben. Ihre Beschwerde bei dem Grafen soll erreichen, daß die Dillenburger den verkaufften Hemmell erstatten, auch diese Zween noch hinder sich Habende Hemmell ohn einige endtgeltnuß widderumb Zun Handen stellen unß auch kosten und schaden keren. Die Dillenburger geben vor, Docümenta undt schrifften, zu besitzen, auf Grund deren sie alleiniges Weidgangsrecht in fraglichen Gebieten hätten (es handelt sich vermutlich um den Vertrag von 1544, der aber bezüglich der Weidrechte keine Geltung besitzt). Dazu bitten die Frohnhäuser, wenn das Wahrheit sei, möchten sie ihnen die Schriftstücke vorzeigen und sie mit deren Inhalt bekannt machen, Damitt wir Der orth unser Vihe Zu behüden undt Zubeweiden nicht muge noch machtt Haben solle Wir unß auch hinfüro Dornach Zurichten undt Zuverhalten wissen mogen.

Die gräfliche Kanzlei fordert schriftliche Stellungnahme der Dillenburger zur Klage derer von Frohnhausen und setzt in üblicher Weise einen Termin fest, zu dem beide Parteien erscheinen und ferneren Bescheids gewärtig sein sollen.

Daraufhin rechtfertigen sich die Dillenburger schriftlich: Cleger wissen Jehe gahr wol, Das wir Stein und mohl, Die unsere und Ihre Velt marck und Viehe hude scheiden, Zwischen uns haben. Ihre fernere Anspielung auf den Beholtzungsvertrag von 1544 läßt erkennen, daß sie die durch diesen Vertrag geschaffene Grenzlinie auch auf die Viehhut ausdehnen möchten. Die Frohnhäuser hätten schon lange Etliche Jar, über die Grenze gehütet und ihre Geduld sei sehr in Anspruch genommen. Soweit auf Grund der vorliegenden Akten ein Urteil möglich ist, scheint es zum mindesten so, als ob beide Teile die Lage sehr zu ihren Gunsten darstellten. Die Dillenburger werfen denen von Frohnhausen vor, daß diese sogar mit Irem viehe ubers lange pferdt herüber biß uffs Breidschiedt gehudt, Wie der Veltschutzs berichtet. Deshalb hätte auch der cleger scheffer nicht Unpillich gepfendt.

Den zuerst gepfändeten Hammel hätten die Beklagten den Klägern gutwillig freigegeben. Letztere hätten aber dem veltschutzen seinen gepuerenden schutzlohn außrichten undt bezalen sollen, was ihres bedinkens unterblieben sei. Daheren der veltschutzs denselben wirdt verkaufft haben. Die andern Zwen Hemel stehen den clegern noch heutiges tags zu lösen. Im fal sie solliches nicht thun werden, wirds der Futterung halben ein andere Gelegenheit darmit gewinnen. Die Documenta seien den Klägern zur Verfügung gestellt und sie selbst würden wegen derselbigen kein schew tragen. Bitte um Zurückweisung der Klage.

Der Ausgang dieser Klagesache ist leider nicht bekannt. Es ist sehr wohl zu vermuten, daß bei Gegenüberstellung beider Parteien mündlich eine leidlich zufriedenstellende Entscheidung getroffen worden ist. Für die Dillenburger scheint sie nicht allzu günstig ausgefallen zu sein; denn 1599 wenigstens erkennen diese die Weidrechte der Frohnhäuser bis ans lange Pferdt an.

Nach einigen Jahren wurde ein neuer Anlaß zu Weidstreitigkeiten um den Heunstein gegeben.

1599 tritt Frohnhausen wieder als Kläger gegen Dillenburg auf. In dem Vertrag von 1544 sei gesagt, daß sie, die Kläger wie von alters hero, huede und Weidtgangk sampt denen Dillenburgern biß In denn Weeltzbach und an den gebrandten Kopff samendt haben und behalten sollten. Die Frohnhäuser schießen hier, wie es den Anschein hat, über das Ziel hinaus. Die Dillenburger hätten nun eine Wiese Im Heunen Weyer und eine andere Inn der Harmans Struth angelegt und dieselbe mit Dornen umzäunt Durch welche uffrichtung dieser Zweier Wiesen uns unser Viehtrieb undt Weidtgank wird versperret und verhindert, Dan unsere Hirdten uff alsolchen Pletzen Insonderheit wenden und kehren mussen, Ist auch ohne daselbsten unsere beste Weyde, daß wir deren mit nichten entrathen können. Als vor ungefähr 20 Jahren ein Frohnhäuser Bürger (Nickelgins Geörg seliger) im Heunweiher eine Wiese angelegt und ausgezäunt habe, Do haben wir mit Zuthun deren von Dillenbergk die Dörne und heege, so berurter Geörg gesetzt gehabt, außgeworffen und verbrandt, Daß diese Wiese Zum Weidtgange hat müssen leiygen lassenn. Nun würden sie dasjenige so sie selbsten andern haben helffen verbiethen und abschaffen selbsten anfangen. Die Kläger bitten den Grafen, die Dillenburger zu veranlassen, ihre uffgerichte Verträge herfur zu thuen und die angezogene Zwo uffgerichte wiesen gentzlich wiederumb abschaffen, Und zur Huede undt Weidtgangk unverspert leiygen zu lassen.

Die Dillenburger weisen zunächst in ihrer Rechtfertigung alle Weidansprüche der Frohnhäuser, soweit sie über das lange pferdt“ hinaus geltend gemacht werden, zurück. Ins Veltt undt an den gebrandten Kopf sind sie den Klägern nichts geständig. Diese könnten keinen Beweis für ihre vermeintlichten Rechte darthun (die Taktik der Frohnhäuser geht darauf hinaus, bei jeder Gelegenheit von ihren ausgedehnten Weidrechten zu sprechen, in der Hoffnung, immerhin doch etwas dabei zu gewinnen. Die Dillenburger sind demgegenüber bestrebt, wenn irgend möglich die Frohnhäuser bis zu der abgesteinten Beholzungsgrenze – 1544 – zurückzudrängen. Der Kläger glaubt vielfach durch seine Klage einen, wenn auch vielleicht geringen, taktischen Vorteil zu erreichen). Auch das Recht des Einspruchs hinsichtlich der Anlage der Wiesen sprechen die von Dillenburg den Frohnhäusern vollkommen ab: die Wiesen seindt uf vnseren ohne streitt eigenthumblichen grundt und boden, des Weidtgangks allerseits, undt Weill man uf allen seitten darbej her Kommen Kan, ohngehindert, gemacht, undt hatt gegen Theill daran Keine gerechtigkeit noch an forderung, viell weniger fugk und macht uns die selbige absprechen zu laßen. Jeder Eigentümer könne über das Seine frei verfügen. Inmaßen auch Wir von wegen viele der außgaben zu der mauren und sonsten solche Gelegenheit zu suchen, Verursacht worden, so wären sie zu möglichster Nutzbarmachung des Bodens genötigt. Die Bitte wird ausgesprochen, den Kläger abzuweisen.

Auch über diese Streitigkeiten lassen die Akten den Ausgang nicht klar erkennen. Es ist wohl leider sehr häufig so, daß bei der Gegenüberstellung beider Parteien entschieden wurde und darüber keine Aufzeichnung erfolgte. Beachtenswert ist hier jedenfalls der Vermerk der Kanzlei: Die weill die Von Dillenbergk denen von Fronhausen des Weidtgangs nach der schaar (Der Schaar, Zusammenhang mit scheren. Kurz nachdem das Heu gemacht ist und von der Grummeternte an), als den erst wollen die Dillenburger die mit hude verstadten. – Dadurch erkennen sie aber bis zu einem gewissen Grade den Ansprüchen der Kläger Berechtigung zu – Die Frohnhäuser wollen das ganze Jahr über dort hüten und sind mit dem Zugeständnis der Dillenburger nicht zufrieden), des hews undt grommats gestendig gewesen, Die von fronhausen sich aber damit nicht haben ersettigen lassen Sondern Vorgewendet daz sie durch das Gantze Jahr uff den streitigen örthern zu huten hergebracht, undt derentwegen denen von dillenbergk nicht gebühren wollte, die selbige orther zu wiesen zu machen. Dz hew und grommat zuforderst Darvon zu nehmen undt ihnen als den eerst eine mit hude zu verstadten, Alß ist daruff bescheiden worden, Das sie Ihnen ahngeben, Die weill es ihnen von denen von Dillenbergk nicht gestanden werden wolte, der gebuhr beweisen soltten, Welches sie zu thuen sich erbotten Undt dahin vernehmen lassen, Daz ein alter verdrag (wahrscheinlich geht es in allen Fällen um den Vertrag von 1544, auf den immer angespielt wird, der aber bezüglich der Weiderechte als nicht genügend beweiskräftg nie wirklich hervorgetan wird) vorhanden, damit sie ein solches zu beweisen verhofften. Die Dillenburger machen also Zugeständnisse, mit denen aber die Gegenpartei nicht zufrieden ist. Die erklärt sich bereit, ihre rechtliche Auffassung durch Heranziehen eines alten Vertrages zu begründen.

Die Irrungen beider Gemeinden um Holznutzungs- und Weidgangsrechte am Heunstein stellen gewiß keine besonders verwickelten Streitfälle dar, gewähren uns aber gerade durch ihre Einfachheit und Durchsichtigkeit einen guten Einblick in die Gebräuche und Rechtsverhältnisse der Zeit vor etwa 350 Jahren.

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