Brotbacken im Backes

Es wurde meistens ein Zentner Korn eingesackt und in die Mühle gefahren. Das nannte man ein Geback. Für das Mehl hatte man einen weißen Leinensack, auf dem der jeweilig Vor- und Nachname in rot aufgestickt war. Der Müller sagte, wann das Mehl abgeholt werden konnte. Hier im Dorf waren drei Backöfen, die waren die ganze Woche belegt. Fünf Tage für Brot und am Samstag für Kuchen. Für Brot wurden zwei Stunden gerechnet und für Kuchen eineinhalb. Wer eine Reihe im Ofen für Brotbacken reservieren wollte, ging, wenn es 1100 Uhr läutete, ins Backhaus. Bis dahin war der Polizeidiener vom Läuten auch da. Jeder Haushalt hatte ein sogenanntes Backesbrett, auf dem der Name stand. Diese Bretter wurden in drei Reihen auf den Tisch gelegt. Der Polizeidiener hatte ein Kästchen mit zusammen­gefalteten Zetteln, auf denen Nummern standen. Diese wurden auf jedes Brett gelegt; der Polizeidiener öffnete sie und schrieb die Nummer mit Kreide auf das Brett. Um 8:00 Uhr wurde angefangen. Aufgrund der Nummer wusste dann jeder, wann er an die Reihe und an welchen Ofen er kam.

Zum Brotbacken brauchte man einen Sauerteig. Dieser wurde unter den Nachbarsleuten nach Bedarf ausgeliehen, so dass er immer frisch war. Jetzt wurde das Mehl in einen sogenannten Backtrog geschüttet. Ein Teil mit dem Sauerteig und Wasser vermengt und einige Stunden stehen gelassen. Danach wurde dann der Teig mit beiden Händen durchgeknetet. Jetzt blieb er stehen bis zum Backen. Zum Backen brauchte man einen Schießer (SCHÄISER) und einen Kehrstock (KEHRSTECKE) mit einem aus Stroh gebundenen Besen (WUSCH).

Ungefähr eine halbe Stunde vorher wurde mit einem Stoßkarren drei bis vier Wellen, das Backgeschirr und ein Eimer ins Backhaus gefahren. Hier erkundigte man sich, ob es etwas länger dauerte oder nicht, denn man musste rechtzeitig im Backhaus sein, wenn man an der Reihe war. Jetzt wurde der Backtrog mit dem Teig, der mit einer Decke gut abgedeckt war, ins Backhaus gefahren. Ein 5-Liter Eimer, die sogenannte „Backesbierschte“ und die „Backeskratze“ waren auch noch mit dabei Wenn der Ofen frei war, wurde die Glut, die in der rechten Ecke lag, etwas auseinander gemacht, die Reiser wurden klein gebrochen und schon brannte das Feuer. Die Reiser wurden dann so in den Ofen gesteckt, dass er gleichmäßig geheizt wurde. Während dessen wurde eine dicke Decke auf dem Tisch ausgebreitet, der Teig in gleichmäßiger Größe mit den Händen aus dem Trog gegraben und auf der Bank verteilt. Nun konnte man die Brote formen, so dass sie aufgehen konnten. Inzwischen waren die Reiser soweit verbrannt. Dann merkte man, ob es heiß genug war. Wenn das der Fall war, wurde noch alles ausbrennen lassen und dann wurde der Ofen gekehrt; dazu der Kehrstecke und der Wusch. Der Wusch wurde, damit er nicht gleich verbrannt; in den Eimer mit Wasser getaucht Etwas von den übriggebliebenen Holzkohlen wurde in der rechten Ecke zusammengekehrt und blieb da liegen, die übrigen schaufelte man aus der Ecke und nahm sie in einem Eimer, mit etwas Wasser begossen, zum Düngen im Garten mit nach Hause. Die Ofentür (ca. 90 cm breit – ca. 30 cm hoch) wurde dann geschlossen. Nach kurzer Zeit öffnete man sie wieder und zog mit dem Kehrstecken unter der Ofendecke her. An den Funken sah man dann, wann die richtige Hitze war. In der rechten Ecke des Ofens, wo die Glut lag, war ein Loch mit einem Schieber. Da wurden die beim Heizen zurückgestellten Stecken hineingesteckt. Durch die Flamme sah man dann im Ofen, wo das Brot hingeschossen wurde. Während dem Auftragen auf den Schieber wurde der Laib von einer Hand in die andere gedreht, so dass er die richtige Form hatte. Bei soviel Brot musste der Mann, der den Schieber bediente, aufpassen, dass alles in den Ofen ging und doch nicht aneinander „geschossen“ wurde. Wenn nun alles im Ofen war, wurde die Tür geschlossen und das Brot konnte backen. In der Zeit wurde der Backtrog mit der Backeskratze sauber gekratzt. Das gab dann wieder den Grundteig für den nächsten Sauerteig. Bei dem ganzen Vorgang musste ja alles Hand in Hand gehen, weil das Brot doch eine bestimmte Zeit backen musste. Nun war etwas Zeit, um sich über die Neuigkeiten im Dorf zu unterhalten. Ungefähr eine halbe Stunde vor Schluss wurde einmal nachgesehen, wie weit sich das Brot gefärbt hatte. Wenn es dann für gut befunden wurde, fing man an zu rücken. Das heißt, wo an einer Seite in der Reihe etwas Platz war, wurden die Brote noch umgesetzt, so dass die Reihe ganz leer war.

Jetzt wurden mit dem Schießer die Brote soweit auf die Plattform gelegt, dass die ganze Oberfläche und rundherum nass gemacht werden konnte. Das gab dann dem Brot einen schönen Glanz. Dazu diente der mit Wasser gefüllte 5-Liter Eimer und die Backesbürste. So blieb das Brot im Ofen bis die Backzeit beendet war. Kurz vor Schluss wurde dann einmal ein Laib herausgeholt und festgestellt, ob er gar war. Das geschah in dem man mit den Fingerkuppen an die Kruste klopfte. Wenn das Brot dann den richtigen Ton von sich gab und beide Frauen es für gut hielten wurde es im Ofen wieder hell gemacht und das Brot heraus geholt. Man legte es auf die Bank und stellte es dann, je nach Bezeichnung, die zuvor per „Backeskratze“ in den noch rohen Teig gekratzt worden war, in den Backtrog. Dann wurde der Backes geräumt, so dass die nächsten anfangen konnten zu Backen. So ging das den ganzen Tag. Damit die Brote nicht so gedrückt wurden, wurden sie zu Hause gleich auseinander und um den Backtrog gestellt. Im ganzen Haus roch es nach frischem Brot. Am nächsten Tag konnte es dann weggeräumt werden. So hatte man dann wieder länger als 14 Tage Brot im Haus. Um den Ofen voll auszunutzen, haben sich meistens zwei Familien zusammengetan. Entweder Geschwister, Verwandte oder Nachbarn. Da der Ofen über Sonntag kalt wurde, musste er am Montag früh angeheizt werden. Das machten immer reihum unaufgefordert drei Männer. Es wurden am Ofen mindestens zwei Wellen verbrannt, damit der Ofen, wenn die Backzeit begann, angeheizt war. Wie schon erwähnt, wurde am Samstag Kuchen gebacken. Das geschah folgendermaßen: Sechs bis sieben Familien bildeten eine Kolonne, die setzte sich zusammen aus Nachbarn, Geschwister und Verwandten. So kam also jede Woche eine andere Familie an die Reihe. Sie musste am Tag vorher um 11:00 Uhr im Backhaus für eine Nummer sorgen, Wellen und Backgeschirr ins Backhaus bringen und den Ofen heizen und kehren. Es ist doch klar, dass sich die anderen auch an der Arbeit beteiligten. Der Kuchenteig wurde zu Hause auf die Bleche und Pfannen gelegt und zum Backen gebracht. Wenn der Ofen fertig zum backen war, wurden die Bleche eingeschoben und gebacken. Die Obstkuchen und Kringen wurden zuerst hinten in den Ofen geschoben. Die dünneren Kuchen kamen dann vorne hin, weil sie früher fertig waren. Es wurde jedem Wunsch Rechnung getragen; der eine wollte den Zuckerkuchen hell, der andere mit Lack. Hier einmal ein Beispiel: Wer den Zuckerkuchen mit Lack haben wollte, dessen Bleche wurden mit dem Schießer heraus geholt und kurze Zeit unter die Ofendecke gehalten. Die kleineren Kuchen wurden schon, wenn sie etwas kalt waren, von den Kindern nach Hause getragen. Die großen Kuchen brachten dann die älteren mit. Es freute sich ja schon jeder im Hause auf ein gutes Stück Kuchen.

Autor: Friedrich Wilhelm Bernhardt

Pseudonym für Friedrich Wilhelm Bernhardt (*06.02.1913, †10.12.1993) Ein geschätztes Mitglied der Frohnhäuser Gemeinde. Außer seinem Engagement als Haupmann der Freiwilligen Feuerwehr Frohnhausen verfasste er etliche Dokumente zum zeitgenössischen Leben. Danke an Hiltrud für die Daten.