Wissenbacher Hexen

Es ist im allgemeinen bekannt, daß die Hexenprozesse auch in Nassau im Dreißigjährigen Kriege ihren Höhepunkt erreichten. Die Prozesse der früheren Zeit jedoch (unter Johann dem Älteren) entziehen sich dagegen mehr der allgemeinen Kenntnis. Dr. Heppe (Soldans Geschichte der Hexenprozesse, Bd. 2, S. 498) schreibt: „In der Grafschaft Nassau-Dillenburg wurde der Ausbreitung der Hexenverfolgung am Ende des 16. Jahrhunderts für geraume Zeit durch den trefflichen Grafen Johann VI., der die Leibeigenschaft in seinem Lande aufhob und für die Hebung der geistigen Bildung seines Volkes sehr tüchtig war, aufgehalten.“ Und doch wurden unter Johann VI. in dessen gesamtem Gebiete nach den noch dazu unvollständigen Akten, 20 Personen, als der Hexerei verdächtig, getötet. Davon entfielen auf unser Dillenburger Gebiet 5 Personen, und zwar wurden hingerichtet:

  • 1582, 13. Februar – 3 Frauen, alle aus Wissenbach
  • 1586 – 1 Frau aus Merkenbach
  • 1593 – 1 Mann aus Mademühlen

Hexenwahn und Hexenverfolgung hatten jedoch einen weit größeren Umfang, als aus diesen Zahlen ersehen werden kann. Über Hexenwahn und Hexenprozesse wurde schon viel geschrieben. Mehr oder weniger klingt immer die Frage durch, wie eine Regierung den Tod so vieler unschuldiger Menschen selbst herbeiführen konnte. Uns ist das heute fast unverständlich, da der ganze Gedankenkomplex unserem Denken allzufern liegt. Für die damalige Zeit war der Hexengedanke etwas ganz allmählich, unter Begünstigung von Kirche und Reich und in mancherlei Not und seelischem Druck im Laufe der Jahrhunderte Gewordenes. Die folgenden Ausführungen mögen dazu beitragen, die gesamte Frage, insbesondere das Hexenbrennen unter Zustimmung oder Veranlassung mancher Landesregierungen unserem Verständnis etwas näher zu rücken.

Wie stark und tief der Hexenwahn in das Seelenleben der Menschen der damaligen Zeit eingedrungen war, läßt sich in etwa aus der Tatsache erkennen, daß nur sehr, sehr wenige Fürsten sich über diesen Wahn erheben konnten. Der blinde Glaube an Hexerei war eine derartige Manie jenes Zeitalters, derartig selbst in den gebildeten Ständen verbreitet, daß die gegenteilige Erscheinung zu den größten Seltenheiten gehört (Dr. Götz in Nass. Annalen XIII, S. 327). Und selbst diesen wenigen, meist zu den großen und bedeutenden Männern ihrer Zeit gehörenden Fürsten und Gebildeten, war es nicht einmal möglich, trotz inneren Ringens sich gänzlich frei von den herrschenden Vorstellungen und Ideen zu machen. Ein anschauliches Beispiel dazu bietet uns Johann VI., dessen Größe unumstritten ist.
In Zeiten, in denen die Not regierte und der Tod seine reiche Ernte einheimste, nicht zum wenigsten, wenn Seuchen unter den Menschen und Vieh ausbrachen, begannen die dunklen Ideen ihre unheimliche Macht über die Menschen in besonderem Maße auszuüben. Ums Jahr 1580 herrschte in unserer engeren Heimat ein großes Viehsterben. Einen Zusammenhang desselben mit den Prozessen lassen die ziemlich umfangreichen Originalakten deutlich erkennen. Die Dörfer Wissenbach und Frohnhausen scheinen von den Unglücksverhältnissen besonders betroffen worden zu sein. Mehrere Gemeinden wenden sich an den Grafen und bitten, ja drängen ihn geradezu zum Hexenbrennen, so Dillenburg 1580:

Weil hien und wieder von den benachbarten allerhandt viel Clagen auch von etzlichen, die Ir leib
und leben dargeben, über die Zauberer und Zauberinnen vff zu setzen, sich offentlich und austrüglich erpieten daß davon und wider des teuffels list und boese anstiftungen zwischen dem menschlichen Geschlecht und deren Verderben nicht genugsam zu sagen, were hochnoethig, daß Euer Gnaden einmal Ernstes Insehen thete, damit dem boesen feindt und seinen Anhengern in Ihren boesen thatten gewehrt, und der gepuer nach gestrafft werden, wie Euer Gnaden das von Obrigkeitswegen zu thun schuldig.

Geradezu herausfordernd klingt ein Schreiben der beiden Gemeinden Frohnhausen und Wissenbach. Zum letzten seindt sunderlich (wie gleichwohl an anderen Orten überaus viel clagen) dermaßen mit Zauberern und Zauberinnen behaftet, das halt kein Frucht der Erden zu unserer armen Unterhaltung bei vns wachsen, noch auch kein Mann sein Viehe und Pferde vor schaden erhalten oder bewahren kan. Darunder eines theils Irer gedanen Dinge nicht abstendig, vnd so vbermuthig worden, das sie sich offentlich vernehmen lassen, da sie darzu bracht wurden, das sie verbrennen musten, so solten Ihrer noch etliche daran. Welches vns verursachet, Euer Gnaden vmb Abschaffung solliche teuffelspatten zu ersuchen. Dan do dieselbigen nicht der Gepuer nach abgeschafft werden, so werden wir zu selbst Richtern. – Und do Eure Gnaden der Vncösten halben hieran Abschewens oder beschwerung hetten, seindt wir erpütig, die Vncosten so vff die auß unsseren Gemeinden erlauffen wurde, selbst zu tragen vnd vßzurichten.

In demselben Schreiben, in welchem sich diese Gemeinden erbieten, die Kosten der Hexenprozesse selbst zu tragen, halten sie um Verringerung ihrer Abgaben an, um ihr Leben fristen zu können. In einer Reihe weiterer Schreiben der folgenden Jahre wendet sich besonders die Gemeinde Wissenbach in z. T. noch größerer Schärfe an den Grafen, und so kann es uns nicht unverständlich bleiben, wenn dieser dem schärfsten Drängen des Volkes endlich einmal nachgibt und den drei von den Wissenbachern bezeichneten schlimmsten Hexen den Prozeß macht. Von den verschiedensten Seiten wurde Johann VI. immer wieder darum angegangen und geradezu zur Hexenverfolgung getrieben. Daß er selbst nicht völlig frei von dem Hexenglauben war, wurde schon gesagt, und es geht dies auch aus seinen weiteren Maßnahmen hervor (gewiß mag auch mancher Fürst den Aberglauben seiner Untertanen gerne ausgenutzt haben, um diese von gröberen Mißständen im eigenen Interesse abzulenken. Der brennende Scheiterhaufen und das Schwert des Henkers gaben einstweilen dem Pöbel Beschäftigung und Unterhaltung. Er vergaß auf einige Zeit wenigstens die wahren Quellen seines Elends, und dankte froh seinem Fürsten, der mit väterlicher Strenge die Verheerer der Saaten und Verderber des Viehes von der Erde wegtilgte.(Arnoldi).

Durch Hinrichtung der drei Wissenbacher Hexen hatte Graf Johann gedacht, ein Exempel zu statuieren und abzuschrecken und eine günstige Gesamtwirkung erhofft, allmähliche Beruhigung der Gemüter. Darin aber hatte er sich getäuscht. Durch die Verurteilung der Hexen hatte er der Volksmenge öffentlich Recht gegeben, und das Verlangen des Volkes war nicht mehr zu stillen. Gerade die beiden genannten Gemeinden, voran Wissenbach, trieben es bis zum Aufruhr. Nun ging den Leuten geradezu ein Licht auf: Alles Leid, aller Schaden an Mensch und Vieh ging von den Hexen aus. Hatten doch die drei Zauberschen in ihren Urgichten (so nannte man die erzwungenen Bekenntnisse der Hexen) nicht weniger als einige zwanzig Mitgehülfinnen aus zahlreichen Nachbarortschaften angegeben. Diese plötzliche Erleuchtung ist klar von den Frohnhäusern ausgedrückt: Wir haben nicht allein hiebeuor zu etlich Maln suplicando clagendt angezeigt, Wilchergestalt vnserer etlicher mergklicher schaden und vnrath, beydes ann Menschen vnd Viehe etliche viel Jar vnd tage herauß, zugestanden, Vnd nicht gewust noch sagen kunden Ohn das man wol einen boesen Argwohn getragen, Wohero vns sollich vnglück vnd ehlendt zukommen, Biß nunmehr durch der negst vervrtheilter Zauberin Urgichte vnd Bekanntnussen offentlich gehort vnd vernhomen, Wer derselbigen mit gehülffen gewesen, wo sich dieselbigen bey vnß Denen von Wissenbach vnd andern heußlich oder sunsten verhalten.“ Der Fortgang des Schreibens klingt fast, wie aus Seelenangst geschrieben, die an anderer Stelle in Verbitterung und Trotz umschlägt. „Im fall aber solliches nicht geschehen solte, so wurde der letzte handel arger als derselbige von anfang jemahls gewesen, Vnd kunthe nicht fruchtbarlichs noch etwas guths gebehren. Es werden alle Tonarten angewandt – auch Versprechungen fehlen nicht – um zum Ziele zu gelangen und die lästigen Hexen von der Welt zu schaffen.

Die Verbrennung der Wissenbacher Hexen hatte besonders durch deren Eingeständnis der Schuld und Bezichtigung einer großen Zahl Mitgehülfinnen für unsere Dillenburger Gegend allgemein ungünstige Folgen. Der Graf war nun erst recht in unangenehmer Lage. Sollte er gar im ganzen Lande eine Razzia auf Hexen unternehmen? Andererseits fühlte er sich tragenden Obrigkeits Stands und Ampts halben verpflichtet, diesem schädlichen, hochsorglichen vnd wohlbedencklichen Werckh entschieden zu wehren. Es ist immer wieder zu bedenken, daß er selbst in dem Hexenglauben befangen war, wie Evangelische und Katholische, wie Kaiser und Papst (man denke nur an die Hexenbulle Innocenz VIII. und an die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V.) und alle dem Hexenwahn mehr oder weniger verfallen waren. Er hat in dieser Lage viel nachgedacht und auch bey vornehmen Standspersohnen inn- und ausländischen Rechtsgelärten, gebürlichen Rhats pflegen lassen. Den weisen Entschluß, den er im Bewußtsein seiner großen Verantwortung faßt, teilt er in einem Mandat, die der Zauberey und Hexerey beschuldigten Personen betreffend v. 9. Okt. 1582 mit: das in Sachen so Leib vnd Leben, insonderhaitt aber die Seel Seligkhait, betreffen, nicht liederlichen, vnd vff bloße Anzeige, gehandlet, noch zum gefängklichen angreffen, ehe besserer Erkhundigung, viel weniger zum Fewer, damit will geeilet sein. Seine weitere Handlungsweise aber räumt ihm die Schwierigkeiten nicht aus dem Wege, sondern schafft ihm noch größere. Er fordert auf zu geheimer Erkundigung und Nachforschung in den Ortschaften der verschiedenen Ämter. Schon Anfang August berichten die Heimberger über die einzelnen Ortschaften, und in dem erwähnten Mandat v. 9. Okt. 1582 wird nochmals aufgefordert: Damit wir aber yederzeit wissen mügen, wann oberzelter massen Hexen oder Zauberinnen angegeben werden, was es vor ein Gelegenheit mit denselben habe. So wöllestu bey Heimburgern, Geschwornen vnd andern, so vnpartheyisch, von Dorffen zu Dorffen, aigentliche vnd gewisse Erkhundigung, in aller Gehaimbe, einnehmen, nemblich:

1) Wie die Persohnen haißen, so Zauberey beschuldigt werden.

2) Womit vnd welchermaßen sie sich in solchen Verdacht
gebracht haben.

3) Ob sie mit Wortten o der Wercken Menschen oder Viehe
beleidigt vnd beschedigt haben, vnd wie solches vff sie
beständiglich müege gebracht werden.

4) Wie sie sich von Jugend auff, biß anher erzaigt, ob sie
sich Christlich vnd Fromb, auch aller guten Nachbarschafft
bevlissen, vnd dißfals vnbescholten gehaltten haben.

Es wird anbefohlen, mit Vleis Erkundigungen einzuziehen und solches aigentlich vnd Puncten weise schriftlich zu berichten.

Wie schon oben gesagt, bereits anfangs August 1582 gehen Berichte in sehr großer Zahl ein, die vff vbergebenen Bevelch Ingeheim auß allen Dorffen der Hexen halben auf fleißige Erkundigung gegeben werden. Es befand sich kaum ein Dorf, aus dem nicht Hexen angezeigt wurden. Viele Ortschaften lieferten ganze Verzeichnisse ein. Ob vielleicht deshalb die Verordnung vom 9. Okt. 1582 in Beziehung zu dem erwähnten früheren Bevelch gegeben wurde, zur gewissenhaften Überprüfung? Das Volk war wohl jetzt in Erwartung der kommenden Dinge; denn zu vermuten ist, daß der Anordnung gemäß längst nicht alles geheim blieb. Aber was war mit dem sehr umfangreichen Klagematerial anzufangen?

Wenn die der Hexerei bezichtigten Personen alle vor den Richter geführt werden sollten, etwa wie es ein halbes Jahrhundert später geschah, so hätten gewiß in dieser Zeit noch weit mehr Scheiterhaufen geraucht als während des Dreißigjährigen Krieges. Es ist zu bedenken, daß durch die erpreßten Urgichte der Hexen noch sehr zahlreiche weitere Personen verdächtigt worden wären. Gab doch fast jede Hexe eine Menge anderer Personen als Mitgenossen bei den Hexentänzen an, Personen, mit denen sie in Feindschaft lebte oder denen sie das gleiche Schicksal wünschte. Häufig werden schließlich auch nur bekannte Namen genannt, um selbst dem Peinlichen Verhör, den Folterqualen, baldigst zu entkommen.

Graf Johann zog es daher in seiner Klugheit, großen Gewissenhaftigkeit und kritischen Einstellung zu der Frage vor, durch eigenes Nachdenken, eingehende Besprechung mit seinen Räten und Einholen von Gutachten bei der Universität Marburg – vielleicht auch noch anderswo – eine klare Einstellung im allgemeinen zu dem Hexenproblem und zu den ihn bewegenden Einzelfällen zu bekommen. In der ruhigen Kritik und selbständigen Haltung dieses Grafen, die ihm den Überblick und die Durchsicht der Verhältnisse sicherte im Gegensatz zu der großen Zahl zeitgenössischer Fürsten, die dem Drängen des Volkes einfach nachgaben und die Dinge in Ermangelung eines eigenen, klaren Urteils nicht meisterten, liegt auf diesem Gebiet die Größe Johanns des Älteren, die nicht hoch genug geschätzt und gewürdigt werden kann. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Fürsten würde auch in unserem Ländchen bei den vorliegenden Verhältnissen dem Geist der Zeit gefolgt sein und dem Verlangen des Volkes einfach nachgegeben haben.

In einem vorliegenden Aktenstück finden sich allerhand kurze Notizen – Gedanken, die aus der Beschäftigung mit dem ganzen Fragenkomplex als Entschlüsse erwuchsen, niedergeschrieben am 15. (u. 16.) Oktobris ao 82. Ob diese Gedanken, so wie skizziert, in dieser Zeit verwirklicht wurden, ist aus dem mir bekannten Aktenmaterial nicht genügend ersichtlich. 1589 wenigstens gab es in manchen (vielleicht auch allen Ortschaften Beauftragte, die jedem Verdacht der Hexerei im Geheimen nachgingen und Anzeige erstatteten. Diese Notizen mögen, in engeren Zusammenhang zueinander gebracht, als Beitrag zu der Frage der Hexenprozesse unter Johann VI., soweit vielleicht von Bedeutung, hier Raum finden.

Um den Untertanen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die vorliegenden Anklagefälle der Hexerei gewissenhaft und gründlich zu lösen, wird gesagt, daß man Commissarios zur inquisition vff die Zauberei verordnen moge. Eine Kommission hat die Aufgabe, die Verdächtigen aufzuspüren und zu verhören. Sie muß ihrerseits alles tun, um selbst zu einem bestimmten Urteil über Schuld oder Unschuld der im Verdacht der Zauberei Stehenden zu kommen. Es sollen Ides orts gewisse personen zu solcher inquisition deputiert werden (es handelt sich hier gewissermaßen um Vertrauensleute die die örtlichen Verhältnisse genau kennen und die Einzelheiten am besten zu beurteilen in der Lage sind). Ihnen soll eine bestimmte Vollmacht und Gewalt übertragen werden.

Die Untertanen sollen durch Ausschreiben aufgeklärt werden, die in der Kirche zu verlesen oder ihrem Inhalt nach bekannt zu geben sind. Der Gemeinde soll in den Ausschreiben näher ausgeführt werden, daß die Bestrafung der Zauberei der Obrigkeit Amt sei und daß sie aus „schuldiger väterlicher Zuneigung“ geschehe. Die beweglichen Klagen der Untertanen, die täglich vorgebracht würden, würden die Veranlassung geben zu dem Entschluß, den Gerüchten über die Hexerei in den verschiedenen Ortschaften einmal nachzugehen und die Zauberei als ein Werk des Teufels zu bestrafen und nach Möglichkeit auszurotten.

Um unverzüglich zu handeln, wird die Anordnung getroffen, die Commissarios anher gegen nechst kunfftigen Donnerstag zubeschreiben vnd dieselbigen von dieser Sache zu Informieren. Diese sind dann besonders in aidt zu nehmen. Vor allen Dingen werden Sie zu strengster Geheimhaltung dessen, was sie in Erfahrung bringen, verpflichtet. Sie sind selbst zu ermahnen, daß sie die sachen vnd was sie vernehmen, Item Ihre protocolla verschwiegen in aller geheim vnd guter verwahrung halten, vnd dorvon niemands dan dahin sie gewiesen etwas anzeigen, noch auch vor sich abschrifft behalten.

Die Hexenkommissare sollen von Ort zu Ort gehen und eingehende Verhöre vornehmen, vorerst aber sich mit den Schultheißen Ides orts vergleichen, wie viel dorff sie Ides tags ohngeuberlich vornhemen mogen vnd die underthanen dasselben, den abent zuvor verstendigen.

An diesem Tage soll dann ein eingehendes umständliches Verhör geschehen. Die Commissarii sollen erstlich Ider Gemein Ihre Commission vorhalten, pastorn darnach desselben orts Schultheißen erstlich abhoren, Nach demselbigen die heimberger, dan einen Iden geschwornen vnd vorters einen Iden Inwhoner desselben orts, einen nach dem andern. Bei der Vornahme der Einzelverhöre sollen strengste Unparteilichkeit herrschen und den Leuten wird Verschwiegenheit dessen, was im Verhör ausgesagt wurde, ernstlich anbefohlen. Die Commissarien sollen einem Jeden die fragstuck, vermog der Instruction, eins nach dem andern, vleißig vnd verstendlich vorhalten, Vor niemandt vnd Partheiglichkeit die leut mit vleis warnen, vnd zu vleißigem nachdenken, so wol hernachmals als auch Itzo, Auch die Sachen In geheim zuhalten mit ernst vermhanen. Wenn jemand eine Person anschuldigt, so soll der Anschuldigende vorerst nur kurz gehört werden: Do Jeandt angeen würdt, Sollen sie als dann die andere fragstuck Ihrer Commission dem Ansager kurtzlich vorhalten, vnd vor ein erst nur etwas von Iderm Puncten anhoren, Vnd dieselbige Person vf ein andere gelegene stundt wiederumb, vorbescheiden, Domit die andere desto weniger vfgehalten werden. Vor erneuter Vornahme soll an die Stellung zweckmäßiger Fragen vorher gedacht werden: Wan dan solch examen nach der handt vorgenhomen wurdt, Sollen die Commissarii miteinander bedencken ab vnd wie durch andere interrogatoria der sachen ferner nachzuforschen. Die Beweggründe, aus denen die Anschuldigung erfolgt sein könnte, sollen möglichst erforscht, die persönliche Meinung des Anklagenden über Schuld oder Unschuld der angeklagten Person festgestellt und die Glaubwürdigkeit der beschuldigenden Person im Einzelnen beurteilt werden. Item sollen sich befragen vnd erkhundigen ob die Beclagte Personen mit Jemands In vnwillen vnd feindtschafft seien, vnd woher solches komme. Item, was man von derselbigen halt vnd glaub, ob sie schuldig oder vnschuldig sei vnd aus was vrsachen. Desgleichen auch was die anclagende Person vor ein geschrei vnd credit hab, ob sie warhafftig sei? Ob sie leichtlich glaub vnd sich vberreden las, ob sie argwhonisch sei. Auch die Presbytheria (Kirchenvorstände) sollen im Einzelnen gehört werden.

Die für schuldig befundenen sind in Haft zu nehmen. Es soll alsdann ein Gutachten der Rechtsgelehrten eingeholt und dementsprechend prozediert werden. Gilt die Schuld als nicht genugsam erwiesen, so soll der zuständige Pastor und Inspektor zu weiterer Beobachtung und Handlung informiert werden. Da man starcke indicia gegen etzliche angegebene haben mag, dieselbige den rechts gelehrten zu Ponderiren zu fertigen Ihres raths daruber erwarten, vnd nach befindung gegen die beschuldigte zu procedieren. Die beschreigte gegen welche man nicht genugsame anzeigungen hatt denn inspectoribus vnd pastoribus zu benennen vnd sie zu informieren, wie mit solchen leuten zu handeln.

An einer anderen Stelle wird noch bemerkt, daß die Anklage vf den geschworenen Montagen geschehen kann, und es ist wohl anzunehmen, daß auch bei diesen Versammlungen, zu denen alle vor ihrem Schultheißen erschienen, die Zauberei und Hexerei oft zur Sprache kam.

Es mutet gewiß eigenartig an, daß man zu Anklagen gewissermaßen allgemein herausfordert. Wie man auch darüber denken mag, jedenfalls müssen wir die Denk- und Handlungsweise des Grafen Johann VI. auf diesem Gebiet besonders aus den Ideen (hier Wahnideen) seiner Zeit beurteilen und wir sehen – soweit wir über die Ausmaße des Hexenbrennens in anderen Ländern und Ländchen zu dieser Zeit auch nur etwas unterrichtet sind – durchaus zur Genüge wie sich unser Graf zu seinen Gunsten von den übrigen Fürsten abhebt und in seinen Anschauungen und Urteilen, wie in seiner Handlungsweise, die von ihm als recht erkannten Wege unbeirrbar, wenn auch fast allein, geht. Die Entschiedenheit seines Willens zeigt sich aber klar in doppelter Richtung. Einerseits stellt er sich auf eine gründliche Abrechnung mit den der Zauberei beschuldigten Personen ein. Er sieht die Prüfung und gegebenenfalls Bestrafung als sein Amt und seine Pflicht und Schuldigkeit an, den vermeintlichen Schuldigen das Werk zu legen. Andererseits will er aber, daß jede Parteilichkeit und Ungerechtigkeit durchaus vermieden und keine unschuldige Person verurteilt oder gar verbrannt wird. Entgegen seiner Überzeugung läßt er sich unter keinen Umständen beeinflussen.

Zum Schluß sei hier noch in aller Kürze etwas über die Art der Beschuldigungen und Anklagen in dieser Zeit gesagt. Wenn man die Hexenprozesse der späteren Periode überschaut, so fällt die Einförmigkeit und Gleichmäßigkeit dieser letzteren ohne weiteres ins Auge. Ein sehr wichtiger Anklagepunkt ist vor allem die Beschuldigung des Umgangs und Verkehrs mit dem Teufel selbst. Die phantastischen Anklagen der späteren Zeit werden hier zwar auch schon erwähnt (mehr zu dieser Zeit allerdings schon im Diezer und Hadamarer Gebiet), treten aber für unsere Gegend in auffallender Weise zurück hinter dem anderen Moment der Schadenstiftung und Tötung von Menschen und Vieh.

Hexenprozess im 16. Jahrhundert.

Hier soll nun der bereits erwähnte Hexenprozeß, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Dörfer Frohnhausen und Wissenbach außerordentlich in Unruhe versetzte, eingehend geschildert werden. Das dicke Aktenbündel mit vollen 150 fast alle doppelseitig beschriebenen Blättern weiß uns viel zu erzählen. Es stellt ein außerordentlich deutliches Zeiten- und Sittengemälde dar, in welchem das Mittelalter noch spürbar nachklingt.

Hier sei er in kurzem Verlauf wiedergegeben. Die Hexenprozesse allgemein sind wenig zeitgemäß, doch sind die Ereignisse selbst, und ganz gewiß die sich anschließenden Reaktionen des Volkes und die Stellungnahme des damaligen Grafen spannend zu nennen und für unsere Urteilsbildung wichtig. – Bereits am 13. Februar 1582 waren drei Wissenbacher Hexen verbrannt worden. Sicher war dem viel vorausgegangen. Von dem damaligen Aufruhr wird gesagt: Eine gantze Dorfschafft und Gemein, gantz embsig und vleissig gelauffen, geschrieben und angehalten, bissolange sie die arme verbrandte sunder umb das leben undt in den todt bracht. Die drei Hexen hatten noch viele Mitschuldige aus Wissenbach und Frohnhausen und verschiedenen Nachbarorten angegeben, darunter sogar eine Hoffrau (Adlige!).

1584 wagt der in der ganzen Nachbarschaft bekannte Cuntzen Hans von Wissenbach einen neuen Vorstoß. Der genannte Kläger war Fuhrmann, Gastwirt, Hobemann, Eigentümer eines nicht unbedeutenden Hofes in Wissenbach und stand mit einer ganzen Reihe von Pfarrern und namhaften Persönlichkeiten in näherem Verwandtschaftsverhältnis. Er hatte fünf Pferde verloren (offenbar durch Seuchen). In Frohnhausen hatten Reichmanns Jacob, Spaniers Philipp, Asmus Jost, Wagners Jakob, Weielgins Hans u. a. größere Verluste an Vieh gehabt. Dem Letztgenannten waren allein vier Kühe verendet! Da rang sich denn, zunehmend mehr, die Überzeugung durch, hier müßten Hexen, die bösen Leute, im Spiel sein. Selbst der junge Graf Georg sagte einmal, gelegentlich in der Gastwirtschaft Cuntz zu Gaste, man solle doch bei seinem Vater, dem Grafen Johann VI. Hexenklage erheben. Eine andere Erklärung, als daß Hexerei in ursächlicher Beziehung dazu stünde, hatte man eben damals wirklich nicht. Und so wußte man auch den Geschädigten keine andere Hilfe als Hexenklage, Hexenverbrennung. Bei neuen Vorfällen wurde das auch immer erneut aufgerollt, beredet. Man beobachtete mißtrauisch diese und jene Ortsgenossin, die etwa von schon verbrannten „Hexen“ als gleichfalls mitschuldig bezeichnet worden war. So konzentrierten sich die geheimen Anklagen auf ganz bestimmte Personen.

Vor allem in den Jahren um und nach 1580 kämpfen viele – Wissenbacher wie Frohnhäuser, man stand sich untereinander treu zur Seite – mit unglaublicher Verbissenheit um die Verbrennung solcher der Hexerei beschuldigter Personen. In vielen Orten der engeren und weiteren Umgebung war das Gerede, waren die Beschuldigungen unter den Dorfgenossen nicht anders. Und schließlich rückte man, wieder mit erstaunlicher Ausdauer dem Dillenburger Grafen mit Klagen zuleibe. In diesem Prozeß sind stets und überall Einwohner der beiden Nachbarorte hineingezogen. Diesmal allerdings verlagerte sich der eigentliche Unglücksherd mehr auf Wissenbach. Frohnhausen und Wissenbach waren Zwillingsdörfer: engste Verwandtschaft, seit Jahrhunderten gemeinsamer Kirchgang, in der Frühzeit nach Haiger, nach 1450 traf man sich stets und ständig in Frohnhausen, Freundschaften, schließlich gleicher Verwaltungsweg nach Dillenburg! In den Akten stoßen wir oft auf scheinbare Widersprüche: Bald fleht man beim Grafen um Steuererlaß oder -stundung, bald erklärt man sich bereit, aus eigner Kasse von sich aus zur Verfolgung der bösen Leute finanziell beizutragen. Ach, wenn man doch nur von denen, die das große Unheil in Viehställen und auf den Fluren anstifteten befreit werden könnte! So wird das Aktenbündel von Anklagen, dicker und dicker. Im Blick aufs Ganze gesagt: als alles nichts nützt, da revoltiert man schließlich, verleumdet den Grafen Johann den VI. und bringt es sogar fertig, demselben andeutungsweise den Untertanengehorsam absagen zu wollen. Das muß hier gesagt werden: Wer die Anklagen der Leute und die Antworten, die vorsichtige Stellungnahme des Grafen in Originalakten liest, kann sich nur wundern. Graf Johann zeigt sich gewissenhaft, standhaft und klug. Er denkt nicht daran, dem Volkswillen zu folgen und den beiden Frauen den Garaus zu machen, auch nicht daran, die Aufsässigen gleich mit Strafe zu belegen. Auf das, was nun folgt, auf die tieferen Zusammenhänge, müssen wir hier noch näher eingehen. Der Graf wendet eine gemäßigte Tortur (Folterung) an. Dafür verschiedene Gründe. Die Marburger Universität befragt er um deren juristische Stellungnahme zur Sache. Ob die Herborner Hohe Schule nach dieser Seite hin noch in gewissem Aufbau war? Einschaltung von Anwälten. Der Dillenburger Graf unterläßt nichts, sein eigenes Gewissen zu entlasten. Bedenken wir nur auch, daß Adel und Fürsten selbst auch in einem gewissen Hexenglauben befangen waren. Graf Johann läßt sich beraten. Er trägt die letzte Verantwortung auf seinem eigenen Gewissen. Am Ende entschließt er sich zur Freilassung der beiden angeklagten Frauen.

Die Ankläger empfinden nun auch, was bevorsteht. Sie sind sich klar, daß das Zusammengehen der beiden Gemeinden nicht ausreicht, die Verbrennung der Schwestern doch noch zu schaffen. Daher verstecken sie sich hinter die semptlichen Heimberger und Geschworenen im Gericht Dillenbergk. 14 Tage vor Freilassung der Frauen aus ihrer Gefangenschaft, am 26. Februar 1590, klagen sie in Gemeinsamkeit dem Grafen, daß der Clagen und des Unraths hien und wieder in unsern Dorffschafften soviel würde, daß es von ihnen nicht mehr zu tragen sei. Dazu bringen sie auch den Pastor zu Frohnhausen in ihre Auslassungen hinein, was dessen eltister Sohn siliger seines Absterbens halben beclagt und zutage getan habe. Immer widerspenstiger werdend, geben sie dem Grafen zu verstehen, daß bei der bevorstehenden Schatzung menniglich sich verweigert, nichts (durchstrichen: Heller noch Pfennig) zu erlegen, eß geben dan e. g. (Euer Gnaden) gewisse Vertrostung, das sie sollich Unkrauth ausrotten und an gepuerende Orth, zu Entphaung ires weltverthienten Lohns verordnen lassen wolten… Wenn der Graf ihnen ihre Wünsche erfüllt, alsdan wollen die Underthanen alles daß Jhenige guth willig geben und außrichten, das ihnen mit Pilligkeit ufferlegt und gepueren wird. Daraufhin werden alle Heimberger im Gericht Dillenburg im Beisein gräflicher Räte am 6. März verhört. Die Schreiber der obigen Eingabe (Heimberger und Geschworene) sagen aus, die Wissenbacher und Frohnhäuser hätten als Übeltäter dieses Schreiben veranlaßt. Einige Befragte stellen sich unwissend. Schlußsatz: dieße Uffwicklung ist von den Wißenbechern herkommen… Der Frohnhäuser Heimberger steht darauf: Die Gemeindt konne nichts geben, wenn die Zauberinnen nicht ausgerottet. Die Frucht verderbe, undt Viehe gehe ab, es komme von den bosen Leuten her. So geht es auch bei anderen Verhandlungen weiter! – Die Wissenbacher antworten auf ihrerseitige Befragung: Wo diesem Werck nicht solte vorkommen werden, wurden allerhandt Todtschlag folgen. Ein Jost Lixfelder von Wissenbach spricht sogar sehr beleidigend aus: Item schwere Beutel thun auch etwas! Für diesen offenen, frechen Vorwurf der Prozeßführung des Grafen und seiner Räte der Bestechlichkeit wird er herausgefordert, darüber Rede und Antwort zu stehen. Der Gerichtsschreiber Heinrich Veltpach rechtfertigt sich, man habe ihn entschieden aufgefordert, so zu schreiben. In Gegenwart des Gerichtsschreibers bekennen die Heimberger: Ebgens Johan von Frohnhaußen hab das Wort gethan, und die Heimbürger seien allerseits eins gewesen undt haben das Schreiben angegebener Maßen zu verfertigen befohlen. Dazu allgemeine Zustimmung. Sämtlichen Heimbergern wird für die Beschuldigung des Grafen eine Geldstrafe von 100 Talern auferlegt.

Man mag gedacht haben, die Quälgeister mit ihren Anklagen los zu sein. Nicht so! Der Entlassungstag der Barb und Lehne kommt. Die Empörung aber steigt in beiden Dörfern aufs Höchste. Manche lassen sich allerhandt gefehrlicher Reden und Traw wortten gegen gedachte Weibs Personen entschlüpfen. Man ließ daher beide Gemeinden zu Wißenbach und Fronhausen zusahmen fordern und ihnen sambt und sonders mit Ernst inbinden und bevelen, sich jeder Tätlichkeit zu enthalten sonst müsse man rechtlicher und gebürender Straff gewertig sein. Zu freundlichem und nachbarlichem Verhalten sollten sie sich mit handgebener Trew (mit Handschlag) verpflichten. Wenn sie etwas hätten, sollten sie dies auf dem Rechtswege zum Austrag bringen. Diese Mitteilung, durch Siegel bekräftigt, wird jedem Teil schriftlich zugestellt. Aber man weigert sich, den Abschiedt anzunehmen und erst recht, die Faust darauf zu geben, sondern verlangt Abschrift der peinlichen Gerichtsakten, um diese anderen Rechtsgelehrten vorzulegen. Auf die Kenntnisnahme dieser Äußerung gibt der Graf Befehl, die Tore zu schließen und etzliche Schutzen und Soldaten hinzuschicken und die halsstarrigen Sünder festzuhalten. Nach ihrer Stellungnahme einzeln befragt, bleiben die Wissenbacher ausnahmslos bei ihrer Einstellung, die Frohnhäuser sind bis auf zwei gefügig. Alle sich noch hartnäckig Weigernden werden all in 3 Thurn gelegt.

Graf Johann VI von Nassau
Graf Johann VI von Nassau

Am folgenden Tag verlangt der Graf Namhaftmachung der Aufwiegler. Die anderen sollen uff Urpheden und Caution des widder einstellens wegen Ungelegenheit der Haft entlassen werden. Nun demütigt man sich. Der Widerstand bricht zunächst zusammen. Man gesteht reumütig sein Unrecht und bittet um Verzeihung. Es habe keiner kein Anfang besonders gemacht, sondern wie ein Bienenschwarm seien sie zusammengehalten. Sie bezeichnen sich alle als unverstendige leuth. Einen Anfänger nennen sie jedoch nicht. Dem Grafen wollen sie jederzeit zu Tage und zu Nacht allen gepuerenden Gehorsamb in aller Underthenigkeit erzeigen usw. Der Schreiber selbst tritt für die Betroffenen ein, die noch nicht entlassen sind, und bittet zu bedenken, daß durch langwirige Gefengnus ihre Hertzen verbittert werden und ein implacabile odium daraus entstehen möchte. Das ganze Schriftstück ist ein Eintreten, eine Fürbitte, eine persönliche Fürsprache für die nun reumütigen Sünder. Graf Johann erwidert von Butzbach aus: die Letztschuldigen sollten festgestellt und die anderen, die nur mitgemacht hätten, nach Unterschreiben eines scharfen Urfehdebriefes auf freien Fuß gesetzt werden. Die Aufwiegler solle man bis zu seiner Rückkunft gefangen halten. Aber am 17. März, noch eben vor Eingang des gräflichen Bescheides, wenden sich Bürgermeister, Scheffen und Rath zu Herborn ebenfalls in schriftlicher Fürbitte an Graf Johann, er möchte doch von seinem Zorn lassen und den Gefangenen die Freiheit wieder schenken. Begründung: Die Lentzensahet undt andere nottwendige Arbeit mit dem Feldbauhe stehe vor der Tür.Die Gerichte zu Ebersbach, Tringenstein und Dillenburg sprechen sich noch offener und schärfer aus: Mit großen Nachdruck wird gesagt, sie verstünden nicht, warum die Nachbarn aus Wissenbach jetzt zur angehenden Lenzeszeit gefangen gehalten würden. Alle stehen in dieser Hexensache einmütig füreinander ein. Immer wieder wird für die armen Gefangenen gebeten (nie aber für die sog. Hexen, das gibt zu denken). Der Graf spricht sich von Butzbach aus mit dem Vorschlag seines Sohnes Georg der Haftentlassung als einverstanden aus, jedoch nur uff einen starcken Urphede undt geleistete genugsame Caution der Hafftenn, bis auf meine Wiederkunfft.

Am 18. März nochmals eingehendes Einzelverhör, kläglich ausfallend. Arme Sünder bekennen ihre Missetaten und bitten reumütig um Verzeihung. Ihre Ungehörigkeiten werden ihnen ganz deutlich vor Augen gestellt:

1. Man wolle Vorschriften machen und begehre peinliche Ge-
richtsakten.

2. Verweigerung des Handschlages als Bekräftigung des Ver-
sprechens.

3. Passive Resistenz, künftige Steuervorenthaltung.

4. Beschuldigung von Bestechung seitens des Grafen.

Daraufhin hüllt man sich wieder in Unwissenheit. Einer spricht den Vorwurf aus: in Dillenburg würden die Hexen und Huren verehrt, daraus entspringe ihr Widerstand. Ein anderer sagt: Wenn seineNachparn in Rhein springen, wolt ers auch thuen; wieder ein anderer: sein Vater hab gesagt, man sol sich halten, wie seine Nachbarn. So geht es weiter. – 37 Wissenbacher und 2 Frohnhäuser haben den hartnäckigen Widerstand geleistet. Nach ihrem Urfehdeschwur steht ihnen ihre Freilassung in Aussicht. Die nun Gefügigen müssen in ihrem Schriftstück bekennen und sich als Aufwiegler bezeichnen. Ihrem Landesherrn hätten sie als widderspenstige, ungehorsame, aufrurische Underthanen ihre unguetliche Huldigungspflicht vergessen usw. Es werden ihnen unguetliche Nachreden vorgeworfen: ihre Gnaden und dero rethe seyen mit Geld bestochen. Verweigerung der Schatzung. Alles, auch Nichtleistung des Gelöbnisses, an den freigelassenen Frauen nicht etwa Rache zu üben, all das wird weitschweifig und in Umständlichkeit dargelegt. Zum Schluß wird ihnen unmißverständlich gesagt, daß sie nur der Güte ihres gnädigen Landesherrn den für sie so günstigen Ausgang der Sache zu verdanken hätten. Graf Johann habe schon vorgehabt, sampt und sonders einen namhafften Gerichtstag zum peinlichen Halsgericht zu ernennen und under argem verkunden zu lassen weil sie ihren Huldigungseid gebrochen hätten usw. Darauf werden die 39 Personen, mit Namen genannt, verpflichtet und ernstlich angehalten. Sie müssen fest und redlich versprechen:

1. Ihre Haft und Gefangenschaft als gerechte Strafe anzusehen
und sich nicht und auf keine Weise zu rächen. (Man könnte
dabei auch an so etwas wie Rache durch Hexerei denken).

2. Sie sollen sich Ungehorsams, Aufruhrs, auch übler Nachrede
gegen ihren Landesherrn und dero Sohne, Rat,
Befehlshabere enthalten und treue Unterthanen sein.

3. Den beiden der Zauberei angeklagten Frauen gegenüber
sollen sie sich allzeit freund-nachbarlich verhalten, in
keiner Weise Rache üben. Für besondere Fälle stehe ihnen
ein Austrag auf dem Rechtswege frei.

4. Auf eine Aufforderung des Grafen Johann hätten sie sich
selbst wieder gehorsam in Haft zu begeben.

5. Wenn ihnen von ihrer ordentlichen Obrigkeit für diesen
Itzigen Ungehorsamb, Aufwicklung künftig noch etwas
abgefordert würde, so sollten sie diesem Abfordern bestens
nachkommen.

Sechs Frohnhäuser und acht Wissenbacher, alle mit Namen genannt, haben sich mit Handschlag zu verpflichten, sich voll für die Erfüllung des Verlangten einzusetzen. Der Urfehdebrief wird durch Gericht und Scheffenstuel zu Dillenbergk auch durch Siegel bekräftigt.

Dillenbergk, den 18. Martii Anno 90.

Im ganzen Zusammenhang liegt nur noch ein Schreiben vom 27. Juni 1590 vor: Die Gemeinde in Wissenbach bittet um Erlaß der auferlegten Strafe. Über einen Erfolg ist nichts bekannt.

Nach anderen amtlichen Schreiben scheint im gleichen Jahr ein Heimbergerwechsel in Wissenbach erfolgt zu sein!

Zu so mancherlei Beurteilungen, zu denen der so umfangreiche Prozeß geradezu herausfordert – es dürfte wohl der einzige so ausführlich in schriftlichen Niederschlägen uns überkommene Hexenprozeß Johanns VI. sein, ist hier nicht der gegebene Ort und Raum.


Die Wissenbacher Hexen dienten der in Manderbach ansässigen Autorin Ingrid Kretz als Vorlage zu Ihrem Roman Der Geschmack des Wassers.

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