Heumachen

Inzwischen war es Mitte Juni geworden. Wenn dann günstige Witterung (HAA­WERRER) war, wurde mit der Heuernte begonnen. Das war die erste Ernte für das Jahr, aber auch die schwerste, weil sich gerade in der Mittagszeit, wenn die Sonne am Höchsten stand, das Heu am leichtesten machen lies. Da nur derjenige, der sein Grundstück am Weg hatte mit dem Mähen beginnen durfte, wurde das Mähen vom Ortsgericht frei gegeben (OÜFFGEDOU). Das geschah folgendermaßen: In jedem Dorf war ein Polizeidiener, der mit einer Schelle und einem Zettel durch die Straßen zog und immer an bestimmten Stellen mit der Schelle auf sich aufmerksam machte.

Dann öffneten die Leute die Fenster oder gingen an die Straße und warteten, was es wohl Neues gab. Z. B.:

Bekanntmachung: Das Mähen im obersten Grund und seinen
Nebenwiesen ist für heute nachmittag und morgen früh erlaubt.

Wie schon bekannt, durfte nur der vormähen, der am Weg eine Wiese hatte. (Nebenwiesen: Omerland, Langacker, Lingeswiese). Wer sich widersetzte und den Bestimmungen nicht Folge leistete, wurde bestraft Dafür sorgte der Flurhüter, genannt SCHETZE.

Tage vorher, wenn noch nicht ouffgedou worr, hörte man schon das Sensedengeln. Der Hoarstock. und der Hoarhoomer kamen wieder zur Geltung. Die Sense musste scharf sein, doch nicht zu dünn, sonst strippte sie. Das Schluckerfaß und der Wetzstein sorgten dann für das nötige Konzert. („Deutsche Übersetzung“: Tage vorher, wenn die Wiesen noch nicht zum Mähen freigegeben waren, hörte man schon die Männer die Sense schärfen. Man legte die Sense auf den Amboss und klopfte mit dem Hammer die abgenutzte Kante dünn und schart Das Schluckerfass war ein ausgehöhltes Kuhhorn, gefüllt mit Wasser. Darin musste der Wetzstein nass gemacht werden.)

Der große Erntewagen stand schon zum Einfahren bereit. Das war ein Leiterwagen mit Aufsetzer und Wiesenbaum (WISSBOAM) zum Binden der Ladung. Wenn dann am ersten und zweiten Tag bei gutem Sonnenschein und mehrmaligem Wenden das duftende Heu eingefahren wurde, wurde für den untersten Grund und seine Nebenwiesen das Mähen erlaubt. (Goldbachswiesen, Goldbachshain und Erlenheck). Als nächstes wurden dann die Dillenburger Wiesen und der Hunsbach zum Mähen freigegeben. Die Dillenburger Wiesen mussten fast alle für den Bau der Stahlwerke verkauft werden. (Preis pro m2: DM 1, — !).

Wurde dann bei guter Witterung die Heuernte zeitig beendet, durften wir Kinder auf den Kirschenmarkt (der Markt war immer am ersten Montag im Juli), worauf man sich schon lange gefreut hatte. Viel Geld war ja nicht da, aber man sah doch einmal etwas anderes – das war schon genug.

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Autor: Friedrich Wilhelm Bernhardt

Pseudonym für Friedrich Wilhelm Bernhardt (*06.02.1913, †10.12.1993) Ein geschätztes Mitglied der Frohnhäuser Gemeinde. Außer seinem Engagement als Haupmann der Freiwilligen Feuerwehr Frohnhausen verfasste er etliche Dokumente zum zeitgenössischen Leben. Danke an Hiltrud für die Daten.