Kartoffeln

Jetzt war es an der Zeit, dass mit der Kartoffelernte begonnen wurde. In den früheren Jahren wurden die Schulferien so gelegt, dass die Kinder in den Haupternten wie Heumachen und Kartoffelausmachen frei hatten und mithelfen konnten.

Letzteres verlief folgendermaßen: Das Kartoffelkraut wurde wenn möglich am Tage vorher von dem Acker entfernt (BUSCHE ROBBE). So hatte man dann gleich einen guten Anfang. Während der kleine Wagen im Hof fertiggemacht wurde, zum Beispiel Vorderpflug, Kartoffelpflug, Egge, Hacken, Körbe und Säcke, ein Sack mit Heu, hatten die Frauen im Haus alle Hände voll zu tun. Es musste für den ganzen Tag Essen zurecht gemacht werden. Belegte Brote und Brötchen, ein großer steinerner Krug wurde voll mit Kaffee gemacht und gut verpackt, so dass er schön heiß blieb. Alles zusammen wurde in einem mit Grummet gefüllten Korb mitgenommen. Wenn dann die Kühe im Stall fertiggefressen hatten und alles aufgeladen war, wurde eingespannt und wer gefahren werden wollte, stieg auf den Wagen.


Für die Kinder war das ja etwas Neues am frühen Morgen ins Feld zu fahren. Manchmal war ein so dichter Nebel, dass man nicht wusste, wer um einen herum stand oder arbeitete, bis die Sonne kam und den Nebel auffraß. Auf dem Acker angekommen wurde abgeladen und die Kühe vor den Pflug gespannt. Man fuhr nun durch die hoch gehäufelten Furchen und die schönen gelben Kartoffeln kamen zum Vorschein.
Die Furche lag mitunter so voll, dass man hinter dem Pflug nicht wusste, wo man hintreten sollte. Die Leute verteilten sich dann und die Kartoffeln wurden herausgelesen und in Reihen geworfen, die ungefähr drei Meter voneinander entfernt waren.
Es wurden immer zwei Furchen aufgeackert und dann die Egge angespannt. Dann kamen die noch steckengebliebenen Kartoffeln zum Vorschein und wurden aufgehoben. Der Vorgang wiederholte sich solange bis der letzte Strauch ausgemacht war.


Bis zur Mittagspause wurde meistens ausgemacht. Dass es nach mehrstündiger Arbeit im freien Feld nicht an Hunger fehlte, kann man sich denken. Die Seitenbretter vom Wagen wurden abgenommen, über das Kartoffelkraut gelegt – Säcke darüber und schon konnte das Essen und Trinken verteilt werden.

Nach einer gemütlichen Kaffeepause ging es wieder an die Arbeit. Inzwischen hatten auch die Kühe das mitgebrachte Heu aufgefressen. Danach wurden sie an beiden Seiten vom Wagen an ein Rad angebunden. Nun konnten sie kauen und ruhen während die Kartoffeln aufgelesen wurden. Das Auflesen geschah folgendermaßen: Die älteren Leute lasen die dicken Kartoffeln in Körbe und schütteten sie in die Säcke. Aus drei vollen Körben wurde ein Sack voll. Die Kinder lasen dann die kleineren und die beschädigten Kartoffeln auf welche an das Vieh verfüttert wurden. Wenn es dann gut „sackte“ war man froh, dass sich die Arbeit übers Jahr doch gelohnt hatte. War dann ein Teil aufgelesen, sah man, dass es für einmal Laden zuviel wurde (24 – 28 Sack). Dann wurden schon einmal fünf bis sechs Säcke und das Geschirr wie Pflug, Egge und Zubehör aufgeladen und nach Hause gefahren. Wenn dann alle Kartoffeln aufgelesen waren und noch Zeit war, wurde noch ein
kleiner Imbiss gereicht Im Durchschnitt konnte man auf eine Rute Acker (25 m2) einen Sack voll Kartoffeln rechnen.
Wenn das Kartoffelkraut ziemlich trocken war, wurde es zusammengetragen und angezündet. In die Asche wurden kleine Kartoffeln hineingeworfen, die man, wenn sie gar waren, mit Heißhunger verzehrte. In der Zeit der Kartoffelernte brannten überall die sogenannten Kartoffelfeuerchen, so dass die ganze Gemarkung von dem Rauch überzogen wurde. Nach mehreren Tagen war auch diese Arbeit wieder beendet. Ein großer Teil von den Kartoffeln wurde zum Schweineflittern verbraucht. Die Äcker wurden jetzt von dem nicht verbrannten Kartoffelkraut und Unkraut gesäubert, dann konnte man mit der Kornaussaat anfangen. Der kleine Wagen wurde mit Pflug, Egge und Saatkorn beladen. Der Vorderpflug, der an der Bremsstange festgebunden war, lief hinter dem Wagen her. Am Acker angekommen wurde der Pflug hergerichtet, die Kühe vorgespannt und schon konnte das Ackern beginnen. Bei den ersten beiden Furchen wurden die Kühe geführt, bei den nächsten gingen sie dann wieder allein. Der dritte Mann ging mit einem Eimer jede Furche mit und las noch die stecken gebliebenen Kartoffeln auf Wenn der Acker fertig gepflügt war wurde geeggt. Noch einmal ging der Mann über den Acker, damit nur ja keine Kartoffel vergessen wurde. Dann wurde das Korn auf den Acker gesät. Das Aussäen wollte geübt sein. Schrittlänge und Wurf mussten stimmen, damit die Frucht später gleichmäßig stand. Während der Zeit ging der Treiber mit einer Hacke um den Acker herum und klopfte die in die Furche gefallenen Schollen (die beim Ackern und Eggen heruntergefallenen Erdstücke) wieder zurecht. Wenn man mit säen fertig war, wurde das Korn untergeeggt. Hierbei war zu beachten, dass das Korn restlos unterkam und der Acker vollständig gleich wurde, sonst blieb in den Löchern und Vertiefungen das Wasser stehen und im Frühjahr war kein Pflänzchen zu sehen – dann hieß es: „Das Korn ist ersoffen!“. Dann wurden noch einmal mit dem Pflug rundherum die Furchen begradigt. Damit das Wasser im Winter richtig vom Grundstück ablaufen konnte, wurden die Furchen noch einmal mit Hacken richtig aufgezogen. Das wiederholte sich bis alles besät war. Noch nachzutragen wäre, dass, wenn ein Acker so lang war, dass das Wasser nicht ablaufen konnte, eine sogenannte Wasserfurche quer durch den Acker gezogen wurde. Außer dem Krautacker war jetzt alles abgeerntet. Das hatte seinen Grund. Es hieß immer „Wenn es nachts kalt wird, werden die Krautköpfe noch dicker.“ Eines Tages wurde dann die Dickwurzernte angefangen. Sie wurden aus der Erde gezogen und in Reihen auf den Acker zum Abtrocknen gelegt. Dann hat man sie mit einem Messer von der Erde und den Wurzeln gereinigt. Die Blätter wurden abgeschnitten, zusammengebunden und zum Füttern der Kühe mit nach Hause genommen. Die gesäuberten Dickwurz wurden dann mit dem kleinen Wagen, an dem die Aufsteckbretter noch angebracht wurden, nach Hause gefahren. Dort wurde abgeladen und die restlichen Dickwurz vom Acker geholt. Das Abladen ging bei dem ersten Wagen schnell, weil der Verschlag für die Dickwurz unter einem Kellerfenster war – man brauchte sie nur hineinzuwerfen. Später musste dann jemand die Dickwurz zurück und bis unter die Kellerdecke werfen. Bei dem zweiten Wagen wurde es dann meistens so spät, dass bei Dunkelheit und im Schein der Straßenlampe abgeladen wurde. Wenn die Dickwurz alle abgeerntet waren, wurde der letzte Wagen mit Kraut beladen.
Das wurde dann zu hause sortiert – die dicken Krautköpfe, welche sich zum Einschneiden für Sauerkraut eigneten, wurden in die Scheune getragen. Das restliche Gemüse wie Wirsing, Rotkraut und der Rest Kraut wurden im Garten eingeschlagen (mit Erde bedeckt). Jetzt wurde der abgeerntete Acker mit Weizen besät Beim Ackern wurden die noch auf dem Acker herumliegenden Blätter von Kraut und Dickwurz mit untergeackert, ansonsten verlief alles wie beim Korn säen. Damit ist die Aussaat beendet Nun wurden noch alle übrigen Stoppeläcker geackert, damit sie im Winter auffrieren und verwittern konnten. Ein Teil der Jauchegrube musste noch geleert werden. So wurden noch mehrerer Fässer voll Mist auf trockene Wiesen gefahren. Die Obstbäume wurden aufgehackt und mit Mist gedüngt.

Autor: Friedrich Wilhelm Bernhardt

Pseudonym für Friedrich Wilhelm Bernhardt (*06.02.1913, †10.12.1993) Ein geschätztes Mitglied der Frohnhäuser Gemeinde. Außer seinem Engagement als Haupmann der Freiwilligen Feuerwehr Frohnhausen verfasste er etliche Dokumente zum zeitgenössischen Leben. Danke an Hiltrud für die Daten.