Besitzergreifung des Landes und Festigung der Macht durch die Grafen von Nassau

Nach dem, was bisher gesagt wurde, wird uns die Position der Nassauer Grafen im Dillenburgischen um 1200 im großen und ganzen klar sein. Die Nassauer verfügten auch hier sicher schon über Streubesitz. Es wird lediglich im Mangel an Urkunden begründet liegen, daß wir keine Einzelkenntnisse darüber haben. Ansprüche auf die Landeshoheit werden jedoch durch den Güterbesitz nicht zu rechtfertigen sein. Maßgebend muß sein, daß die Grafen sich auf Verwaltungsrechte stützen konnten. Reichlich dunkel ist wohl eine Bemerkung Friedrich Barbarossas anläßlich der Erneuerung des rheinfränkischen Landfriedens 1179. In der Abgrenzung dieses Geltungsbereiches spricht der Kaiser von der „provincia“ des Grafen Ruprecht von Nassau. Nach Renkhoff kann hier „nur das Gebiet der Haigerer und bzw. oder der Herborner Mark, wahrscheinlich mit der Weilburger Vogtei verstanden werden“. Wenn das zutrifft, so bedeutet dies schon ein gewisses Eingesessensein der Grafen im Dillenburgischen. Am festesten gegründet waren jedenfalls die Rechtsverhältnisse in der Herborner Mark, die sich, wie schon bekannt, auf Belehnung durch die Thüringer Landgrafen um 1200 zurückführen ließen, darin dürfen wir im Wesentlichen die rechtliche Grundlage der Nassauer Ansprüche erblicken. Mit zunehmender Festigung der Herrschaft im Herborner Raum gestützt, wurde planmäßig von den Grafen die Landeshoheit im ganzen Territorium angestrebt, wobei sie im Haigerer Gebiet sehr wahrscheinlich von alten Vogteirechten ausgehen konnten.

Mit den stärkeren Geschlechtern des Adels sind wir auch schon bekannt geworden. Die Frage: Teilung der Herrschaft mit denselben oder Alleinherrschaft, war durch die Grafen schon sehr früh eindeutig entschieden. Bis zur endgültigen Durchsetzung und allseitigen Anerkennung der Landeshoheit war jedoch noch ein sehr langer Weg. Die Beschreitung desselben bedeutete jahrhundertelang härteste Kämpfe, die auf der ganzen Linie etwa mit Heinrich d. R. in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts mit wechselnder Intensität einsetzten. Beginn der Kämpfe in der Herborner Mark mit der sog. „Dernbacher Fehde“. Diese dürfte bald nach der Belehnung durch die Landgrafen begonnen haben. Über den Ausbruch ist nichts bekannt. In der Teilungsurkunde von 1225 (erster Beleg über die Fehde) wird nur gesagt, daß sie „schon lange“ andauere. Auch vernehmen wir über ihren Verlauf nur aus Geschehnissen, die irgendwelchen urkundlichen Niederschlag gefunden haben. Sie erschöpfte sich weitgehendst in Einfällen in gegnerisches Gebiet, in Rauben und Plündern, Sengen und Brennen, in „Nahme und Brand“, um in damaliger Sprache zu reden. Die Lasten trugen die sog. „armen Leute“, die Bauern. 1255 muß sie heftig entbrannt sein. Die Teilungsurkunde verpflichtet Graf Walram, seinen Bruder Otto mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen, falls dieser Streit nicht mit Hilfe des Königs oder durch anderweitige freundschaftliche Vermittlung beigelegt werden könne. Nur die Adligen, nicht die Grafen, hatten schon anfangs alte Burgen zu Stützpunkten (z. B. die Wasserburgen Dernbach und Bicken). In dem Burgensystem, das mit den Straßen im engen Zusammenhang stand, sind sehr wichtige strategische Linien zu erkennen. An wichtiger Straßenkreuzung hatten die Adligen die Bergfeste „Burg“ erbaut, der Sage nach zu Beginn der Fehde zerstört. In der Fehde errichteten die Grafen zunächst die Herborner Burg und um 1240 an der Grenze der beiden Marken die das Dilltal sperrende und beherrschende Dillenburg. Gefährlich drohte die Fehde für Nassau zu werden, als nicht nur Bicken um seine Rechte besorgt, sondern auch Nassaus Landesherren, die Landgrafen von Hessen, auf ihre Gegenseite traten. Auf hessischer Seite erstanden die Burgen Wallenfels, Hessenwald (bei Roth) und Neu-Dernbach (bei Gladenbach) zur eigenen Rückendeckung. Nassau erbaute den Tringenstein im Schelderwald. Mehrere Festen wurden im wechselnden Verlauf der Fehde zerstört (Burg, Dillenburg, Dernbach). Die Adligen von Dernbach verkauften 1309 in ihrer Bedrängnis ihre Stammburg an Hessen und nahmen sie als Erbburglehen wieder zurück. Der Landgraf hatte die Zusage gegeben, diese Burg nie an Nassau kommen zu lassen. Durch diesen Schachzug wurden die Kräfteverhältnisse sehr verlagert, und wir verstehen, daß Nassau 1312 sich zu einem für es nicht gerade günstigen Vergleich bereit fand (man verpflichtete sich beiderseits, keine weiteren Burgen mehr aufzuführen; und Nassau versprach, die Adligen von Dernbach und Bicken in allen Ehren und Rechten zu belassen, die es zu Zeiten des Grafen Otto von Nassau besaß). Diese Lage und die Zustände im Reich (Kampf Ludwigs d. Bayern gegen Friedrich d. Schönen; Hessen und Nassau auf Seiten des Letzteren) brachten etwa ein Dutzend Jahre des Friedens. Nassau wußte diese Zeit klug auszunutzen. Es erwarb gütlich durch Kauf eine Reihe von Besitzungen, vor allem von den Brüdern vom Hain (Bicken verwandt), deren Burg Hainchen und von einem Zweig von Bicken deren Anteil am Gericht Ebersbach.

1325 aber tobt die Fehde wieder von neuem, heftiger als früher. Anlaß unbekannt. In diese Zeit fällt nun die Zerstörung der Dillenburg der Sage nach. Nassau rafft alle Kräfte zusammen. Es zerstört die Burg Dernbach von Grund auf und muß auch jetzt die Burg Wallenfels in seinen Besitz gebracht haben, u. zw. für dauernd. 1333 wird es von Hessen damit belehnt. Darauf um 1326, errichtete Hessen die Burg Hessenwald bei Roth, deren Lage lange umstritten war. Für Dernbach allerdings war sie sehr abgelegen. Schließlich folgten nach etwa 100-jährigem Kampfe der Friede, für Nassau der Sieg. Im Vergleich 1333 mußte Dernbach alle Rechte in Stadt und Mark Herborn, sowie an den Waldungen: Hörre, Eberhard und Schuppach (Distrikt Tiergarten bei Dillenburg), ferner Gericht, Fischerei und Wildbann und alle Leibeigenen in des Grafen Gebiet für 4000 Mark Pfennige an denselben abtreten. Sie behielten nur noch Patronatrechte (Offenbach) und 13 Höfe (u. a. Dernbach, Stippach b. Sinn, Bicken, Merkenbach, Offenbach, Munzenbach (Hof bei Bicken) unter gewissen Bedingungen. Zwar entstehen in den folgenden Jahren noch einige Streitigkeiten um die Höfe und Rechte. 1342 fällt dann endgültiger Entscheid. Nach 150 Jahren, 1486, unterstellt Heidenreich von Dernbach seine Höfe in Bezug auf Abgaben und Dienste den Grafen von Nassau. Gleichzeitig tritt er alle Leibeigenen im Nassauischen ab. Die Gegenleistung betrug 150 Gulden Herborner Währung und 16 Ellen „siden duchs von Sameth“.

Kurz nach Beendigung der Dernbacher Fehde, 1336 kommt ein definitiver Vertrag mit Bicken zustande. Die Herren von Bicken verkaufen alle ihre Gerechtsame an Feld, Holz und Wasser und ihren Anteil an Burg Hainchen für 800 Mark an Nassau. Höfe und Gülte in Bicken behalten sie sich vor, ebenfalls in Herbornseelbach und die dortigen Patronatsrechte. 600 Mark an Nassau zu festgesetzten Terminen zu zahlen. Für den Rest soll ihnen der von den Adligen vom Hain 1325 erworbene Anteil am und im Gericht Ebersbach zuteil werden. Graf Heinrich soll zuvor beweisen, daß er die Landeshoheit im Ebersbacher Gericht von den Herren von Molsberg gekauft habe. Dann werden sie die Gerichtsbarkeit dort von Nassau zu Lehen nehmen. Im großen und ganzen hatte sich schon 1336 die nassauische Landeshoheit in der Herborner Mark durchgesetzt. Im Gericht Ebersbach allerdings waren alle Ansprüche Nassaus bis auf die bloßen Hoheitsrechte verloren gegangen. Was es Nassau hier bis zur Erringung der wirklichen Landeshoheit kostete, darüber wird noch zu reden sein.

Nun, bezüglich der Haigermark wurde schon bereits gesagt, daß Nassaus Ansprüche sehr wahrscheinlich auf alte Vogteirechte zurückzuführen sind; 914 kam die Haigerer Taufkirche an das Walpurgisstift in Weilburg; 993 ging dieses mit der Kirche zu Haiger an das Domstift zu Worms über. 1195 aber erscheint Graf Walram I. von Nassau in Weilburg in Ausübung der Gerichtsbarkeit als Vogt. Es ist noch unbekannt, wie es mit den Eigentumsrechten über das Haigerer Gebiet der Vogtei steht. Das Weilburger Gebiet wurde erst 1294 durch König Adolf von Nassau als Eigentum erworben. Da die Haigerer Mark schon bald in drei Gerichtsbezirke: Haiger, Ebersbach und Selbach auseinanderfiel, so haben wir es hier nun mit diesen Einzelgerichten zu tun. Daher zunächst die Erwerbung des Haigerer Gerichtes: Bei der nassauischen Teilung 1303 hören wir schon von einer Pfarrei Hegere, mit dazugehöriger Jurisdiktion (Vogel meint, es sei nur ein Hubengericht mit seinen Bauern und Gütern darunter zu verstehen). Graf Heinrich hatte 1309 die Bede von den Vogtleuten des Haigerer Bezirkes von den Kolben von Wilnsdorf an sich gebracht. 1311 erwarb derselbe Graf die Haigerer Gerichtsbarkeit zur einen und 1323 zur anderen Hälfte von den Adligen von Haiger mit Bestätigung der Herren von Molsberg. Er kaufte von den Haigerern alles, was diese dort an Ländereien, Wildbann, Fischerei und Nutzungen besaßen, für 600 Mark (Arnoldi). 1355 war Nassau genötigt, seine Haigerer Rechte wieder an dieses Adelsgeschlecht zu verpfänden. Diese nutzten die Regierungszeit der allerdings sehr energischen Gräfin Adelheid (ihr Gemahl Otto II. war in einer Fehde erschlagen worden) aus, um sich zu bereichern, überschritten ihre Befugnisse und wurden sogar gegen den jungen Grafen tätlich. Bald konnte die Pfandschaft jedoch wieder eingelöst werden. Die Streitsache wurde 1357 beigelegt. In der Folgezeit tritt das Geschlecht von Haiger in ein Lehens- und Dienstmannenverhältnis zu Nassau. 1425 wird ihre Burg dem Grafen Johann III. als Residenz zugewiesen, geht 1455 wieder als Erbburglehen an Haiger zurück. Der Besitz im Gericht Haiger bleibt fortan Nassau gesichert. 1511 stirbt das Geschlecht mit Jost von Haiger im Mannesstamm aus. Burgsitz und Gerechtsame fallen Nassau zu dessen festem Besitz heim.

Die Verhältnisse im Gericht Ebersbach bis 1336 wurden im Zusammenhang mit der Dernbacher Fehde schon gezeichnet. Nassau war nur noch formalrechtlich die Landeshoheit hier geblieben. Volle 150 Jahre vergingen noch bis zur vollen Machtsicherung hier. Der Kampf mit Philipp d. Alten v. Bicken füllt dicke Faszikel der Staatsarchive Koblenz, Münster und Wiesbaden. In größter Kürze zusammengefaßt: Philipp hatte seinen Grafen bedeutende Dienste geleistet. Deren Erwiderung durch hohe Anerkennung. Er stieg bis zum Oberamtmann der Grafschaft empor, höchstes Amt! Sein Landesherr Graf Johann IV. hatte in seinen Außenbesitzungen (Vianden) fast dauernd Händel. Schließlich sah dieser doch mit Mißtrauen die ständige Abrundung des Bickener Besitztumes während der Zeit der Statthalterschaft Philipps in den Dillenburger Landesteilen. Ob mit Recht oder nicht, jedenfalls glaubte Johann IV., ihm Übergriffe und Veruntreuungen nachweisen zu können. Wer kann heute noch beurteilen, ob Philipp etwa im Ebersbacher Gebiet für sich die volle landesherrliche Gewalt anstrebte? Philipp fiel in Ungnade. Es kam zum völligen Bruch. Philipp floh und suchte den Schutz Hessens, wurde Amtmann zu Blankenstein bei Gladenbach, verkaufte seinen Besitz im Nassauischen an den Landgrafen von Hessen. Trotzdem belegt ihn Johann IV. mit Beschlag. 1466 mischt sich der Erzbischof von Mainz ein. Johann IV., erhebt 1466/67 bei seinem Freistuhl der hl. Fehme „an der breiten Eiche“, nördlich von Hilchenbach, Klage, jedoch ohne Erfolg. Gleichzeitig läßt er ein Manngericht nassauischer Adligen zusammentreten, das Philipp wegen Veruntreuungen und Verrates seiner nassauischen Lehen für verlustig erklären soll. Der Landgraf von Hessen, die Erzbischöfe von Köln und Trier und viele andere treten für Philipp ein. So muß Graf Johann diesen sogar 1467 mit dem Gericht Ebersbach, der Burg Wallenfels, dem Burgsatz zu Siegen, dem Hain neu belehen. Hunderte von Zeugen, Adlige und einfache Leute treten als Zeugen auf. Forderungen und Gegenforderungen werden aufgestellt. Für Nassau ist die Rechtsfrage längst zu einer Machtfrage geworden. Unrecht auf beiden Seiten. Alle Verhandlungen, auch nach Graf Johanns Tod, 1475, bleiben erfolglos. Erst als auch Philipp nach einem mehr als 90-jährigen Leben 1485 die Augen schließt, wird endlich durch einen Vergleich vom 21. Mai 1486 die Streitaxt begraben. Der Sieg war auf Nassaus Seite. Das Gericht Ebersbach, dazu Wallenfels wurde an Nassau durch Vertragskauf abgetreten, für 3000 Gulden. Es blieb fortan bei Nassau. Nicht vertraglich einbegriffen waren die dortigen Wittgensteiner Lehen und der Patronat zu Ebersbach. Die Adligen, später Freiherren von Bicken haben Nassau noch bis zum Aussterben des Geschlechtes, 1732, viel zu schaffen gemacht.

Im 3. Gericht der Haigerer Mark, dem Gericht Selbach oder dem Freien Grunde haben sich die Dillenburger Grafen nie zur Alleinherrschaft durchringen können. Wie schon bekannt, hatte hier das Geschlecht von Selbach die Gerichtsbarkeit. Streitigkeiten über den Grund Selbach und Burbach hatte vor allem Graf Johann V. (1475-1516) mit den Grafen von Sayn um die Hoheitsrechte zu führen. Beide Grafengeschlechter mußten sich jedoch hier bis um 1800 in die gemeinsame Herrschaft teilen.

Das Amt Driedorf hat seine eigene Geschichte. Es fällt eigentlich außerhalb unsere Raumes. Ein Teil des Gerichtsbezirkes kam schon einmal 1300 an Nassau, die andere Hälfte wurde 1316 von Greifenstein erworben. Hessen sah sich aber hier als Landesherr an und zog dieses Gericht 1370 an sich. Zwischen Nassau und Hessen wurde ein langjähriger Kampf und Streit geführt. Ein Eingehen auf das Hin und Her des Streites insbesondere um die Katzenelnbogensche Erbfolge würde zu weit führen. Im Vertrag von Frankfurt v. 30. Juni 1557 wurden Wilhelm d. Reichen noch 2 Jahre vor seinem Tode das Amt Driedorf, die Befreiung Herborns von der hessischen Lehenschaft und die ansehnliche Summe von 450.000 Gulden zugesprochen.

So hat Nassau die Landeshoheit nach und nach unter großen Schwierigkeiten und mit außerordentlicher Zähigkeit errungen. So wie im Raum gegen den Adel, so hat es sich auch oft genug nach außen gegen fremde Dynasten behaupten müssen, die sicher oft mit Neid und Besorgnis auf den im gesamten Großraum erstarkenden Nachbarn schauten. Wenn sich gegenseitige Interessen und Absichten kreuzten, blieb es mitunter mehr eine Frage der Klugheit und der Gewalt als eine solche des Rechtes, wer obsiegte. Wir sahen Sayn im Amt Selbach und Hessen im Bezirk Driedorf konkurrieren. Kämpfe waren wohl mit allen Nachbardynasten zu bestehen, so im 14. Jahrhundert jahrzehntelange Fehde mit Greifenstein. Um 1390 waren Einfälle des Grafen von Wittgenstein abzuwehren, der selbst 1392 gefangen auf Dillenburg gesetzt wurde. Er mußte alte Ansprüche der nassauischen Landesherrschaft anerkennen. Hessen war erbitterter Gegner in der Dernbacher und Greifensteiner Fehde und im Katzenelnbogenischen Erbfolgestreit, aber Mitkämpfer gegen Sayn.

Wilhelm der Reiche

In zeitlicher Hinsicht war im ganzen die Landeshoheit endgültig errungen – abgesehen von Selbach und Driedorf – zum Regierungsantritt Wilhelms d. R. (1516). Das Jahr 1557 brachte noch einen beachtlichen Zuwachs. Die beiden folgenden Herrscher mit langen Regierungszeiten, Wilhelm der Reiche und Johann VI. konnten alsdann das Land wirtschaftlich und kulturell ausbauen. In gesicherter Machtposition konnte in Wilhelm d. Schweiger das Geschlecht zu weltgeschichtlicher Bedeutung kommen. Durch eheliche Verbindungen kamen dem Besitz auch außerdeutsche Gebiete hinzu (Vianden um 1400; Oranien) und der Name Nassau hatte weithin Klang. Unser Grafengeschlecht hat die deutsche und außerdeutsche Geschichte mitbestimmt.

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