Schichtmeister Cunz

Im Herbst 1804 wählte die Gewerkschaft der Grube Thalen – zwischen Frohnhausen und Weidelbach gelegen – den Johannes Cunz zu Frohnhausen zu ihrem Schichtmeister. Dieser war vorher auf der Grube Fortunatus bei Frohnhausen in demselben Amte tätig gewesen. Die dortige Gewerkschaft hatte jedoch – wegen seines übermäßigen Trinkens und weil er seiner eigenen Haushaltung schlecht vorstand – seine Entlassung erzwungen.

Aus diesem Grunde hatte die Aufsichtbehörde – die Fürstliche Berg- und Hüttenkommission – Bedenken gegen seine Ernennung. Da ihm aber der Amtmann Stahl zu Dillenburg in einem angeforderten Bericht bescheinigte, daß er sich seit einiger Zeit des Trinkens enthalte, einen besseren Lebenswandel führe und wieder die Kirche besuche, stimmte die Aufsichtsbehörde dem Vorschlag der Gewerkschaft zu. Cunz wurde am 14. Januar 1805 von der Berg- und Hüttenkommission als neuer Schichtmeister der Grube Thalen verpflichtet. Dieses Amt hätte er wohl besser nicht erstrebt und angenommen. Durch seine Entlassung von der Grube Fortunatus – wegen seiner menschlichen Schwächen – war er ein gezeichneter Mann, dem man leicht etwas anhängen konnte. Was bei anderen Menschen, die nur ihre Landwirtschaft betrieben, als entschuldbar angesehen wurde, war bei ihm als Betriebsleiter einer kleinen Grube, ein unentschuldbares Vergehen. So kam alles, wie es kommen mußte. Die Gewerkschaft war, wie alle kleinen Gewerkschaften in unserer engeren Heimat, immer in Geldnot. Kaum eine dieser kleinen Gruben hat jemals das in ihr investierte Kapital beim Erzverkauf wieder eingebracht. Die Gewerken zahlten oft viele Jahre – manchmal auch jahrzehntelang – regelmäßig Zubußen, immer auf das große Bergmannsglück hoffend. So war es auch bei der Grube Thalen. Der Schichtmeister hatte die Verpflichtung, die genehmigte Zubuße in jedem Quartal von den einzelnen Gewerken einzuziehen. Da aber an der Grube Thalen zeitweise 51 Frohnhäuser Bürger als Gewerke beteiligt waren, so war es sicherlich keine leichte Aufgabe für den Schichtmeister, die Zubußen regelmäßig zu erheben. Oft mußte mit Zwangsenteignung gedroht werden. Adererseits mußte der Schichtmeister auch bestrebt sein, die Betriebskosten der Grube klein zu halten. Da diese aber fast nur aus Arbeitslohn bestanden, mußte der Akkordlohn (Gedingelohn) niedrig gehalten werden. So hatte der Steiger Wilhelm Cunz mit den Bergleuten einen Gedingelohn vereinbart, der nach Ansicht des Schichtmeisters weit über dem normalen Gedingelohn lag. Bei der Beanstandung machte er sich diesen zum Feinde.

Wenn die Zubußen nicht eingingen, war kein Geld in der Kasse. War kein Geld vorhanden, konnte der Schichtmeister die Bergleute nicht entlohnen. So kamen all diese für den Schichtmeister unangenehmen Dinge zusammen und machten ihn bald bei einem Teil der Gewerken und auch der Bergleute unbeliebt. Am 32. März 1806 klagten die Bergleute bei der Fürstl. Berg- und Hüttenkommission wegen rückständigem Lohn. Sie behaupteten, der Schichtmeister würde immer im Wirtshaus sitzen und auch die Bergleute dahin führen, um sie mit Getränken zu befriedigen. Ein Teil der Gewerken verlangte seine Verabschiedung.

Da die Entlassung eines Schichtmeisters aber nur wegen schwerer dienstlicher Vergehen erfolgen konnte, leitete die Berg- und Hüttenkommission eine gründliche Untersuchung der gegen den Schichtmeister vorgebrachten Beschwerden ein. Von dem Pfarrer, dem Heimberger und dem Gemeinderat zu Frohnhausen forderte sie einen Bericht über den Lebenswandel desselben. Weiter wurden in dieser Angelegenheit vier Nachbarn als Zeugen vernommen. Der Pfarrer Tilemann berichtet u. a.: Wie er gehört habe, solle der Schichtmeister Cunz seinem alten Laster – der Trunkenheit – wieder nachgehen, was er allerdings selbst nicht gesehen habe. Er käme auch nicht mehr in den Gottesdienst, es sollte auch große Unordnung in seinen Dienstversehungen herrschen. – Seine Beurteilung faßt er in folgendem Satz zusammen: „…daß irgend ein Amt jenem Cunz mehr nachteilig als nützlich ist, denn durch dasselbe findet er immer für seine menschliche Schwäche allzuviele Reize auf den vorigen üblen, nur wenige Zeit verlassenen Weg wieder zurück zu kommen“.

Der Pfarrer verurteilt ihn also nur auf das ihm zugetragene Geschwätz anderer Leute. Was er aus eigener Kenntnis beizusteuern hat, ist, daß er den Gottesdienst nicht mehr besuchte.

Anders beurteilten Heimberger und Gemeinderat den Schichtmeister. Diese konnten nichts Nachteiliges über seinen Lebenswandel berichten. Der Heimberger schreibt u. a.: Der Schichtmeister Cunz arbeite als Holzsteller in den herrschaftlichen Waldungen (die Schichtmeisterei war eine Nebenbeschäftigung), wo er sein Brot sauer verdiene. Seine Armut würde ihm ein übermäßiges Trinken ganz von selbst verbieten.

Die Beurteilung durch die Nachbarn war unterschiedlich. Ein Zeuge konnte nichts Nachteiliges über seinen Lebenswandel berichten. Die anderen drei Zeugen schilderten ihn zwar nicht als verkommenen Menschen, betonten aber doch, daß er gerne ins Wirtshaus gehe und trinke. Ob er wirklich ein „Trinker“ war, geht aus diesen Zeugenaussagen nicht hervor. Allerdings bemerken sie noch: die Bergleute klagten über ihn. Letzteres mußte nun nicht gerade zu Ungunsten des Schichtmeisters sprechen. Er stand ja als Prellbock zwischen Gewerkschaft und Bergleuten und wurde von beiden Seiten angefeindet.

In einer Verteidigungsschrift geht Cunz ausführlich auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe ein und bittet, sein Amt weiter führen zu dürfen.

Am 31. März 1806 setzen sich 12 Gewerke in einer gut fundierten schriftlichen Stellungnahme für sein Verbleiben im Dienst ein. Sie bezeichnen ihn als guten, diensteifrigen und tüchtigen Menschen den nur der Steiger und von diesem aufgehetzt, ein Teil der Gewerkschaft – sehr zu unrecht – verleumde.

Als Ergebnis der gründlichen Untersuchung glaubte die Berg- und Hüttenkommission der Verabschiedung des Schichtmeisters zustimmen zu müssen. Wahrscheinlich war dieser Entschluß durch den Bericht des Pfarrers Tilemann stark beeinflußt worden. Ehe noch seine Entlassung vom Dienst erfolgte, bat der Schichtmeister am 30. Juni 1806 selbst um seine Verabschiedung zum Quartalsschluß.

Das was immer in solchen Fällen einem gewesenen Schichtmeister Kummer bereitete, blieb auch dem Schichtmeister Cunz nicht erspart – die Abrechnung. Er war für Einnahmen und Ausgaben und für evtl. Fehlbeträge bei der Abrechnung mit seinem ganzen Vermögen haftbar. Wenn er von den zahlungsunwilligen Gewerken die Zubußen nicht zwangsweise eingetrieben hatte – und das war meist nicht der Fall – mußte er die Fehlbeträge aus seiner eignen Tasche bezahlen. Bei seiner Abrechnung waren noch 25 fl. 27 alb. an Zubußen rückständig.

Am 8. September 1806 verklagten ihn einige Bergleute bei der Berg- und Hüttenkommission wegen rückständigem Arbeitslohn. Die Beitreibung der rückständigen Zubuße war seine Sache, ebenso aber auch die Befriedigung der Bergleute. So ordnete die Berg- und Hüttenkommission an, daß er den rückständigen Lohn aus seiner Tasche vorlegen müsse. Seine Laufbahn als Schichtmeister endete, wie die vieler seiner Berufskollegen – mit einer großen Enttäuschung. Er konnte dem Schicksal dankbar sein, daß am Ende nicht der Konkurs stand, wie bei seinem todkranken Kollegen Medenbach in Frohnhausen.

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